Eine Reise in die Toskana
mit den Highlights Pisa, Florenz, Chiantistrasse,
San Gimignano, Siena, Lucca, Viareggio
vom
3. – 7. September 2008
 

Toskana


Italien lockte, und ich konnte mal wieder nicht widerstehen: So buchte ich bei dem Reiseveranstalter, mit dem ich schon meine vorherigen Reisen unternommen hatte. Er hat den Vorteil, dass man mit ihm auch als Frau alleine fahren kann, weil sich in der Gruppe meist immer jemand findet, mit dem man sich austauschen kann. Es ist einfach schöner, wenn man unterwegs mit  jemand anderem seine Freude teilen kann. Und so war es denn auch dieses Mal.

Wie immer ging es zu einer mehr als unchristlichen Zeit los, dieses Mal musste ich schon kurz nach 3 Uhr morgens am vereinbarten Abreisepunkt sein. Aufgrund des sehr frühen Starts konnten wir unseren Zielort in der Toskana, Montecatini Therme, schon am frühen Abend erreichen Von hier wollten wir unsere Ausflüge starten.
Montecatini Therme, eine sehr hübsche kleine Stadt, nur wenige Kilometer zwischen Lucca und Florenz gelegen, ist einer der bedeutendsten Kurorte der Toskana und ganz Italiens und aufgrund seiner geografischen Lage ein sehr günstiger Ausgangspunkt für Urlauber, die die Toskana bereisen wollen. Leider war der wunderschöne Kurpark aus uns nicht bekannten Gründen geschlossen, und wir konnten nur durch den Zaun sehen, wie schön es  gewesen wäre, dort spazieren zu gehen. Da wir aber jeden Tag eine andere Tour machten, konnten wir es noch verschmerzen.

Am nächsten Morgen gleich nach dem Frühstück starteten wir unsere erste Tour. Es ging  nach Viareggio, dem Badeort am Ligurischen Meer.
Nach dem bunten Markttreiben – es waren buchstäblich Himmel und Menschen unterwegs, auch viele Einheimische – wartete auf uns eine Weinprobe in dem kleinen Ort Monte Carlo nahe bei. Auf einer fattoria (Fattoria il Poggio) hatte man schon einen langen Tisch für uns gedeckt. Der Wein strömte buchstäblich in Strömen, und als Unterlage wurden die obligatorische Pasta, Oliven, herrlichen Parmaschinken, frisches Brot, alles sehr lecker, gereicht. Nach kurzer Zeit waren wir, auch die bisher eher zurückhaltenden Gäste, in sehr fröhlicher Stimmung.  Nach einem kurzen Besuch des kleinen Ladens, wo die meisten selbstverständlich den angebotenen Waren – Wein, Oliven, Olivenöl usw.  nicht widerstehen konnten, setzten wir dann unsere Fahrt in sehr beschwingter Stimmung fort.

Es  ging weiter durch das wundervolle toskanische Land nach Lucca. Diese mit ca. 92000 Einwohnern sehr wohlhabende Stadt ist umgeben mit einer mit Bäumen bewachsenen sehr gut erhaltenen Stadtmauer (auf der man spazieren kann – passeggiata della Mura - und von wo aus  man eine herrliche Aussicht auf Stadt und Land mit herrlichen Villen und landestypischen Häusern in hellem ockergelb und mit  roten Ziegeldächern hatte.

Der Name Lucca rührt  übrigens her von „luk“ = Sumpf (ligurisch-etruskisch), da sich die Stadt  auf einen Inselchen in einem Sumpfgebiet entwickelt hat. Im Jahr 180 v. Chr. wurde es römische Kolonie, unter den Goten zum Hauptort  Tusziens. Die Karolinger verlegten dann ihren Regierungssitz nach Florenz. Aufgrund ihrer geographisch sehr günstigen Lage (zwischen Pavia und  Rom gelegen) behielt Lucca aber ihre wirtschaftliche Bedeutung (Seidenindustrie, Keramik, Blumenzucht, Olivenöl, Wein u.v.a.m.) Berühmte Komponisten: Luigi Boccherini (1743-1805) sowie Giacomo Puccini (1858 – 1924) sind Söhne der Stadt Lucca.

Nach dem Abendessen in unserem sehr angenehmen Hotel setzte ich mich noch für eine Weile auf die geräumige Terrasse, zu der ich  direkt von meinem Zimmer  aus Zugang hatte und betrachtete zu herrlichen Puccini-Arien gesungen von Franco Corelli den südlichen Nachthimmel mit seinen abertausend hell funkelnden Sternen. Ich hatte dieses schöne Plätzchen ganz für mich allein und nach dem langen mit Sehenswürdigkeiten und Aktivitäten angefüllten Tag genoss ich diese einsamen Minuten sehr.

Am nächsten Morgen brachen wir dann nach Florenz auf. Alleine schon die Fahrt dahin, die durch das Valle di Chianti führte, war spektakulär: die grünen Hügel der Toskana mit kilometerlangen Weinbergen, den silbrig-grünen Olivenhainen, den bildschönen Casi colonici, den toskanischen Häusern und auf den Hügeln gelegenen  schlossähnlichen Anwesen waren für mich eine wahre Augenweide. Zu gerne hätte ich Fotos gemacht, aber leider fuhren wir ohne Stop durch dieses grüne Paradies. Wir hatten nämlich einen Termin in Florenz, mit unserem Stadtführer, der uns Einiges über diese Stadt erzählen wollte.
(Es gab übrigens  auch einige Leute im Bus, die während der Fahrt durch das Land stur gerade ausschauten oder sich in dicke Wälzer (keine Reiseführer!)  versenkten).

Zur Geschichte von Florenz: im 1. Jh. vor Christus wurde zu Füßen der etruskischen Stadt Fiesole ein römisches Feldlager gegründet. Erst viel später, im Jahr 1115 war Florenz eine autonome Kommune. Die Macht hatten die Kleriker und reiche Kaufleute, die die  Stadt zu einer reichen Handelsstadt gemacht hatten,  die auch der wichtigste Ort der papsttreuen Guelfen (Welfen) war.  Im Jahr 1282 übernahmen die Zünfte (arti) die Macht. Zwischen den Guelfen (Papsttreue) und Ghibellinen (Kaisertreue) kam es immer wieder zu Spannungen, auch zwischen zwei Gruppierungen der Guelfen; den weißen und schwarzen. So wurde zum Beispiel Dante als schwarzer Guelfe gezwungen, aus der Stadt zu fliehen. In dieser Zeit verfasste er die „Göttliche Komödie“. Dante, der große Poet Italiens,  ist aus politischen Gründen nie wieder in seine Heimatstadt zurückgekommen, begraben ist er in Ravenna. In der Florenzer Kirche „Santa Croce“ befindet sich lediglich ein Kenotaph (ein Kenotaph, auch Cenotaph (aus dem Griechischen) ist ein Ehrenmal für einen berühmen Verstorbenen, dessen sterbliche Überreste sich nicht im Grab befinden, weil sie entweder nicht gefunden  bzw. weil sie an einem anderen Ort begraben wurden. Florenz ist die Stadt des Geschlechtes „de Medici“. Durch das Mäzenentum der Medici und weiterer norditalienischer Kaufleute und Bankiers entwickelten sich  Florenz, Venedig, Mailand und Genua sowie Rom zu  den kulturellen und wirtschaftlichen Metropolen der damaligen bekannten Welt und prägten (beziehungsweise ermöglichten erst) das Zeitalter der Renaissance.

Renaissance bedeutet  „Wiedergeburt“. Bezogen auf seinen Ursprung bedeutet der Begriff die „kulturelle Wiedergeburt der „Antike“. Im weiteren Sinne meint Renaissance daher die Wiedergeburt des klassischen griechischen und römischen Altertums und den Einfluss auf Wissenschaft, Kunst, Gesellschaft sowie das Leben der vornehmen Kreise und die Entwicklung der Menschen zu individueller Freiheit im Gegensatz zum Ständewesen des Mittelalters.  Im engeren Sinne wird unter dem Begriff Renaissance eine kunstgeschichtliche Epoche verstanden.

Die Medici waren Kaufleute, Bankiers und Kunstförderer. Ihre Geschichte begann mit Giambuono de Medici, geboren 1150. Giovanni de Medici, ein römischer Bankier, der 1397 ein Bankhaus in Florenz gründete und als Bankier des Papstes die Kirchengelder verwaltete, hatte wirklich große Bedeutung.  Er gehörte der „signoria“, der Stadtverwaltung an.d.h. er bestimmte mit über die Geschicke der Stadt.  Sein Sohn Cosimo erbte von ihm  180 000 Gold-Fiorini – nach heutiger Berechnung ein Millionenvermögen.   Cosimo Vecchio (1389-1464) gründete die Medici-Bibliothek (Bibliotheka Laurenziana), die Platonische Akademie  (Humanistisches Zentrum der damaligen Zeit), ließ den monumentalen Medicipalast erbauen. Unter seinem Enkel Lorenzo, später genannt „der Prächtige“, (1449 – 1492)  wurden große Talente wie Botticelli, Ghirlandaio, Leonardo, Michelangelo entdeckt und gefördert. Die Stadt entwickelte sich zu einem bedeutenden Kultur- und Wissenschaftszentrum.

Im Jahr 1494 vertrieb man die Medici, weil sie für den Geschmack der freiheitsliebenden Florentiner Bevölkerung zu stark geworden waren. Dieses  Exil dauerte bis 1512.

Cosimo I., (1519 - 1574), später Großherzog von Toskana  unterwarf  das ghibellinische Siena, und die ganze Toskana kam unter florentinische  Herrschaft. Unter seiner  Ägide kam es zur größten Glanzzeit; die bedeutendsten Florentiner Bauten wurden errichtet.
Im Jahr 1737 hatte die Dynastie  der Familie de Medici aufgehört zu existieren. Die Toskana fiel als Reichslehen an Lothringen.

In Florenz trafen wir unseren Stadtführer, einen Deutschen, der, wie er erzählte,  schon über 10 Jahre in Italien lebt. Er machte mit uns einen sehr schönen Stadtspaziergang, zur Piazza della Signoria, dem Florentiner Zentrum kommunaler Macht mit vielen Cafés und Restaurants und dem großen von Ammanati 1563-75 geschaffenen Neptunbrunnen, wir bewunderten Michelangelos David (eine Kopie) und genossen den Flair dieser von mit Sehenswürdigkeiten nur so strotzenden  alten italienischen Stadt. Vorbei an den Uffizien gingen wir  (leider war keine Zeit für irgendwelche intensivere Führungen vorhanden; vor den Uffizien hatte sich eine kilometerlange Menschenschlange gebildet, und es hätte Stunden gedauert, um diese „heiligen Hallen“ zu betreten) bis zur Ponte Vecchio mit  schönen Juweliergeschäften gefüllt mit edlem Gold- und Edelsteinschmuck.

Majestätisch wachend über dem goldenen Szenario der Ponte Vecchio entdeckte ich die Statue von Benvenuto Cellini, „uomo universale“ der  italienischen Renaissance. Geboren am 3. November 1500  in Florenz wirkte Cellini an der Schwelle der Hochrenaissance zum Manierismus  als Goldschmied,  Bildhauer, Medailleur, Münz- und Siegelstecher sowie Schriftsteller. Cellini gilt als einer der großen Bildhauer der Nachantike. Sein berühmtestes Werk, das ihm den Adelstitel einbrachte,  ist die Statue „Perseus mit dem Haupt der Medusa“, die noch immer an ihrem Originalaufstellungsort, der Loggia dei Lanzi  auf dem Piazza della Signoria zu bewundern ist.
Eine von Cellini gearbeitete goldene Medaille „am Hut zu tragen, mit in ganz erhabenem Relief dargestellt ein Herkules der einem Löwen den Rachen aufreißt“  findet die Bewunderung von Michelangelo Buonaroti, den Cellini abgöttisch verehrt und dessen Lob ihm außerordentlich schmeichelt.

Sein Gesamtwerk,  für mehrere hundert Jahre in Vergessenheit geraten, wurde  erst  zu Beginn des 19. Jahrhunderts wieder entdeckt. Cellini führte ein sehr abenteuerliches und bewegtes Leben und schreckte sogar nicht vor Mord  zurück (als Rache für den Tod seines ermordeten Bruders Francesco). Wiederholte Male wurde er der Homosexualität angeklagt. Es gibt eine Autobiographie von Cellini:  »Mein Leben. Die Autobiographie eines Künstlers aus der Renaissance.»  Übersetzer: Jacques Laager, aus dem Jahr 2000. (Nachzulesen unter »Bellini» bei Wikipedia.

Die  im Jahr 996 urkundlich erwähnte  Ponte Vecchio ist die älteste Brücke von Florenz. Die heutige Gestalt erhielt sie 1345, der Vasari-Gang  (siehe unten) wurde im 16. Jahrhundert aufgesetzt. Seit dem 13. Jahrhundert gibt es Läden auf der Brücke. Zunächst ließen sich fast nur Metzger dort nieder, weil es sehr praktisch für sie war, ihre blutigen Abfälle einfach in den Fluss zu werfen. Cosimo I. de Medici  (1569 bis 1574), der Tag für Tag  die Brücke auf seinem Weg zu seinem Palast (Palazzo Pitti) überqueren musste, fand den Gestank widerlich und bewirkte im Jahr 1540, dass nur noch Goldschmiedegeschäfte auf der Brücke zugelassen wurden. Diese Verordnung gilt bis heute.

Cosimo I ist auch  Auftraggeber für den nach dem Erbauer  genannten Vasari-Gang.  Er sollte den Palazzo Vecchio mit dem neu erworbenen Palazzo Pitti verbinden, ohne dass die Hochwohlgeborenen die gewöhnlichen Straßen zu nehmen und sich nicht durch das normale Volk  auf dem Ponte Vecchio zu quälen brauchten. Der Vasari-Gang erlaubte den Herrschenden, sozusagen über den Köpfen der Untertanen und geschützt vor der Witterung zwischen den Palästen hin- und herzupendeln.  Der  nur in 5 Monaten erbaute Gang  war in brenzligen politischen Situationen auch eine Möglichkeit zur Flucht.

Seit 1865 dient der Vasari-Gang als Ausstellungsraum für Zeichnungen, Wandteppiche, Stiche, auch für eine Gemäldesammlung mit Selbstbildnissen von Künstlern und Bildnissen berühmter Persönlichkeiten. Er ist heutzutage Teil  der Uffizien.

Am Domplatz, dem Piazza del Duomo,  dem sakralen Zentrum von Florenz, endete unser Spaziergang. Die Taufkirche, das Baptisterium San Giovanni, ist neben San Miniato al Monte das älteste Gotteshaus der Stadt. Es ist auf einer noch älteren Kirche erbaut und war einst die Lieblingskirche von Dante. Bis in das 19. Jahrhundert fanden hier noch zweimal jährlich Sammeltaufen statt. Neben der herrlichen inkrustierten Marmorfassade  aus weißem und grünen Marmor aus den Steinbrüchen Carrara und Prato ist die von dem genialen Lorenzo Ghiberti (1426 – 1452) geschaffene und von Michelangelo glühend bewunderte  „Paradiespforte“  gegenüber der  Domfassade sehenswert.  Es zeigt 10 Geschichten aus dem Alten Testament. Die Pforte ist eine  sehr schöne Kopie aus vergoldeter Bronze. Das Original wurde nach einer großen Flut beschädigt, danach wieder aufwendig restauriert und im Jahr 1988 zum Verbleib ins Dombaumuseum gebracht.

Auf unseren Ausflügen stellten wir übrigens fest, dass die Toskana nach wie vor ein hoch begehrtes internationales Reiseziel ist. Ganz egal, wohin wir kamen: immer entluden sich ganze Wagenladungen von Menschen aus Bussen unterschiedlichster Herkunft und bewegten sich in  langsam vor sich hin kriechenden  Schlangen vorwärts. Besonders in Pisa und Florenz war das Gedränge ganz besonders groß - und unangenehm. Immer wieder wurden wir vor Taschen- und Trickdieben gewarnt, die in einem solchen Gewühle leichtes Spiel haben.

Dieser Besuch von Florenz wird mir  aus ganz privaten Gründen in Erinnerung bleiben: eigentlich hatte ich gar nicht vor, die Fahrt mitzumachen, da ich befürchtete, es sei für einen Besuch dieser Stadt viel zu heiß: wir hatten durchweg  Temperaturen über 30 Grad C. Aus Erfahrung wusste ich, dass Florenz bei solchen schweißtreibenden Temperaturen ziemlich anstrengend ist. Da das Wetter am frühen Morgen aber bedeckt war, änderte ich meine Pläne, und sah zu, dass ich bei der Tour noch mitkam. Das einzige Problem war, dass ich kein Bargeld mehr hatte, es befanden sich nur noch 10 Euro in meiner Tasche.  Aber das ließe sich ja leicht in Florenz lösen, dachte ich. Ich hatte aber meine Rechnung ohne den Wirt gemacht: Kurzum: ich probierte es an insgesamt drei Bankautomaten: jedes Mal weigerte sich der Automat, mir zu Diensten zu sein. Zum Schluss zweifelte ich an allem, vor allem an der Richtigkeit meiner Pin-Nummer (die sich im Nachhinein als doch richtig herausstellte).
Ich war also in dieser aufregenden Traumstadt unterwegs, bestückt mit zehn kümmerlichen Euros. Nach einem köstlichen Eis waren es nur noch sieben Euro, zu wenig, um in einem Restaurant Mittag zu essen und auf dem herrlichen Markt ein paar schöne Dinge einzukaufen. Von den Mitfahrenden kannte ich niemanden, den ich wegen einer Anleihe hätte ansprechen können. So ging ich denn meiner eigenen Wege, kreuz und quer durch diese wunderbare  Stadt, hatte Durst, Hunger und Wut im Bauch. Das einzige, das mich noch erfreuen konnte, war der veilchenblaue Himmel und die Schönheit der Stadt, die ich dann auch eifrig auf meine „Platte“ bannte. Am Ufer des Arno machte ich einige stimmungsvolle Aufnahmen, an denen ich mich noch heute erfreue. Diese Bilder hätte ich garantiert nicht gemacht, wenn ich mit dem Pulk durch die Restaurants und über den Markt gezogen wäre. So birgt  auch jedes Missgeschick etwas Gutes in sich.

Fazit: Leute nehmt genügend Bargeld mit oder Reiseschecks, auch im nahen europäischen Ausland! Dann ist man auf Nummer „Sicher“.

Unsere nächste Tour war ein weiteres  „Highlight" dieser Reise: Unsere Ziele waren San Gimignano und Siena und auch hier war einmal wieder der Weg unser Ziel; wir fuhren nämlich quer durch das Chianti, zunächst in Richtung San Gimignano.

Das Chianti, ein burgenreiches  Hügelland mit dichten Wäldern und Macchia ist eines der bekanntesten Weinanbaugebiete und  ein sehr geschätztes Reiseziel in Italien. Diese herrliche Region eignet sich für Entdeckungstouren mit Auto, Rad oder – am besten – per pedes, dem Wandern von Weinort zu Weinort. Dieses Glück hatten wir leider nicht; wir fuhren in einem  Bus durch diese schöne Landschaft, vorbei an grünen Weinbergen, pittoresken Dörfern eingerahmt von schlanken, dunkelgrünen Zypressen, – wir sahen ganze Alleen davon - Städtchen, Burgen und Schlössern, alles in allem ein Fest für die Augen.

Gerne hätte ich an der einen oder anderen Stelle verweilt und ein Foto geschossen, aber unser Wagen, - unser Bus – rollte weiter in Richtung San Gimignano.  Der Hügel, auf dem San Gimignano erbaut wurde, soll bereits von den Etruskern besiedelt worden sein. Doch die erste urkundliche Erwähnung fand die Stadt erst im 8. Jahrhundert. Von 1199 bis 1353 war San Gimignano eine freie Kommune, dann geriet es in den Machtbereich von Florenz.

San Gimignano ist weltberühmt wegen der hohen Anzahl seiner erhalten gebliebenen Geschlechtertürme, die in anderen Städten nur noch Stümpfe sind, und wegen seines fast unveränderten mittelalterlichen Aussehens. San Gimignano wird manchmal auch das Manhattan der Toskana genannt.  Die Familien versuchten, sich in der Höhe ihrer Türme gegenseitig zu übertrumpfen und damit ihre Macht zu demonstrieren. Das schien ihnen wichtiger zu sein als ein luxuriöses Leben, das in solchen Türmen natürlich nicht möglich war. Von den einst 72 Geschlechtertürmen existieren in San Gimignano heute noch insgesamt 15. Die Geschlechtertürme  waren Zufluchtsorte für die im Dauerstreit miteinander befindlichen Ghibellinen (Waiblinger, Parteigänger des Kaisers)  und Guelfen (Welfen, Parteigänger des Papstes). Die Stadt ist nie sehr groß gewesen, die schweren Familienkämpfe schwächten es zusätzlich, und nach der Pest von 1348 begab sich die Stadt 1352 in den Schutz von Florenz, mit anderen Worten unter seine Herrschaft.

Besonders hübsch in San Gimignano: die Stiftskirche Santa Maria Assunta aus dem 12. Jh. mit einer schlichten Fassade und einem breiten Treppenaufgang,  die Piazza della Cisterna, ein ungleichmäßiges Dreieck, ansteigend und umgeben von hohen Palästen, Cafés und kleinen Geschäften. In der Mitte des Platzes befindet sich auf einem Stufensockel die aus grauweißem Travertin erbaute Zisterne.  Die tiefen Rillen am Brunnenrand verraten, dass hier schon seit sehr langer Zeit (seit 1273) Wasserkübel an Stricken hochgezogen wurden.

Wir wanderten durch die kleine Stadt, die heute um die 7000 Einwohner hat (meistens außerhalb der Stadtmauer wohnend) und bewunderten die schönen alten Paläste und Türme,  den Palazzo del Comune oder del popolo (13. Jh.) mit dem Torre Grossa (54 m hoch), den Palazzo del Podestà (aus dem 12. Jh.) mit seinem 51 m hohen Turm und guelfischen Zinnen und großem Bogen, den Voltone.
 
Unsere nächste und letzte Station an diesem Tag war Siena.

Zur Geschichte von Siena: Siena geht vermutlich, wie Florenz, auf eine etruskische Siedlung zurück und wurde unter römischer Herrschaft eine Kolonie mit dem Namen Saena Iulia. Im Jahr 313 wurde die Stadt Bischofssitz. Ihre eigentliche Bedeutung erlangte die Stadt aber erst im Mittelalter.

Seit dem Jahr 1114 sind Fehden zwischen dem kaisertreuen Siena,  und  dem päpstlichen Florenz belegt. Grund der Fehden waren stets Wegezölle und Sicherung der Handelswege. Kaiser Barbarossa unterstützte die Stadt und belohnte ihre Treue mit dem Münzrecht, der Gerichtsbarkeit und dem Recht Konsuln zu wählen. Im 1236 wurde die Stadt eine freie Kommune.
 1555 wurde Siena nach langer Belagerung durch die Florentiner  eingenommen und zwei Jahre später als Lehen an Cosimo I de Medici gegeben, unter dem es Teil des Großherzogtums Toskana wurde.

Die Stadt hat ca.54.000 Einwohner und ist gegliedert in drei Terzi (Drittel), in denen mehrere Stadtteile (Contraden) zusammengefasst sind (insgesamt 17). Diese sind nach ihren Wappen (meist Tieren) benannt und sind Gegner beim berühmten Palio. Der Palio de Siena ist ein Pferderennen, das jedes Jahr der auf  der Piazza del Campo ausgetragen wird. Es würde hier zu weit führen, das komplexe Thema des Palio zu beschreiben. Tipp: Im Internet unter wikipdia nachschauen.

Die Contraden, die im Laufe der Geschichte stets wechselnde, hauptsächlich kommunale Aufgaben zu erfüllen hatten (ursprünglich musste jede Contrade  in Kriegszeiten Militäreinheiten stellen). Heutzutage  haben  sie in Siena viele soziale Aufgaben; sie kümmern sich um die Renovierung der Stadtteile, pflegen alte Bürger und geben Arbeitslosen vorübergehend Aufgaben. Auf Grund der sozialen Aktivitäten der Contraden, in denen jeder jeden kennt, hat Siena unter den toskanischen Städten dieser Größe die geringste Kriminalitätsrate. Die Zugehörigkeit zu einer Contrade ist für alle, ob Mann oder Frau, in Siena eine edle Bürgerpflicht.

Siena gilt als eine der schönsten Städte der Toskana und Italiens. Während Florenz als Paradebeispiel einer Renaissance-Stadt vor allem durch die vielen Bauwerke und Kunstwerke beeindruckt, hat Siena den mittelalterlichen Charakter der italienischen Gotik erhalten. Die historische Altstadt gehört seit 1995 zum Unesco-Welterbe. Die  1240 gegründete Universität  gehört zu den ältesten Universitäten Italiens und wird heute von etwa 20.000 Studenten besucht.
Der Dom aus schwarzem und weißem Marmor, heute eines der bedeutendsten Beispiele der gotischen Architektur in Italien, entstand aus einer dreischiffigen romanischen Basilika. Heute präsentiert sich der Bau immer noch als solche, jedoch mit gotisch erhöhtem und eingewölbtem Mittelschiff kompliziertem, mehrschiffigen Querhaus und einem gotischen Chor. Der Bau wurde Anfang des 13. Jahrhunderts begonnen und zog sich bis in das 14. Jahrhundert hinein. Eine letzte Vergrößerung wurde 1339 begonnen, aber wegen Geldmangels und Problemen mit der Statik nie zu Ende geführt; heute sind nur Nordseitenschiff und Fassade des sog. »Duomo Nuovo» zu sehen, die die Großartigkeit des unvollendeten Plans andeuten.

Wie immer haben wir viel zu wenig Zeit, um alle Sehenswürdigkeit zu würdigen. Dennoch ist der Spaziergang durch diese schöne alte toskanische Stadt – bei herrlichem Wetter mit blauem Himmel und sommerlichen Temperaturen – ein Genuss.

Mit diesem letztgeschilderten Ausflug war unsere Toskanareise offiziell beendet. Auf unserer Rückfahrt, die wir sehr früh am Morgen antraten, gab es zu meinem Vergnügen noch sehr viel zu sehen: wir machten Stopp am Lago di Como und hatten sogar Zeit, uns noch den schönen Dom von Como anzusehen.
Auf der letzten Strecke - wir waren schonfast zu Hause -   ließen wir die Autobahn links liegen und nahmen die Route über die elsässische Weinstraße. Die Sonne schien, und so konnten wir die wunderschönen  in einer wahren Traumlandschaft eingebetteten kleinen elsässischen Städte und Dörfchen  genießen. Diese kleine Zugabe seitens unseres Reisebegleiters war für viele von uns eine große Freude. Für mich jedenfalls war es der Anstoß einer zukünftigen kleinen Reise: ins wunderschöne Elsass, entlang der route de vin.



Meinem  Reisebericht zugrunde lag das Dupont-Reisettaschenbuch "Toskana", sowie "Wikipedia" im Internet. Meine Fotos können im Web-Album Toskanareise betrachtet werden (siehe oben)

 
Idar-Oberstein, 25. September 2008
Copyright©2008 Gisela Bradshaw