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Eine Reise nach Ligurien

Ich hatte eine Sprachreise nach Italien gebucht und mir nach längerer Überlegung einen kleinen Ort an
der ligurischen Küste ausgesucht. San Bartolomeo al Mare hieß er und lag irgendwo an der ligurischen Küste
zwischen San Remo und Genua.

San Remo kannte ich nur von den dort jährlich stattfindenden Schlagerwettbewerben, und außerdem war
es bekannt durch sein offensichtlich sehr gern besuchtes Spielcasino.

Da mir diese Angaben nicht genug waren, schlug ich in meinem Reiseführer nach:

«Wenige Personen außerhalb Italiens scheinen zu wissen, wo sich Ligurien befindet. Es wird von der
italienischen Riviera gesprochen, aber nicht von Ligurien. Ligurien ist der Name einer Region, die z
wischen der Toskana und der Provence liegt, und Riviera bezieht sich auf einen schmalen sichelförmigen
Küstenstrich auf der Nordseite des Mittelmeeres. Zahlreiche Fischerdörfer, weltbekannte mondäne Orte
wie San Remo, Alassio, Portofino, die Cinque Terre und noch andere wie Cervo, Noli, Tellaro und Portovenere,
vielleicht weniger bekannt, aber ebenso schön, jedoch  schlichter, die nur zu Fuß oder mit dem Boot erreicht
werden können, identifizieren Ligurien als ein Land, das Schritt und Tritt entdeckt werden muß, um kein
scheinbar verborgenes Detail zu verpassen.

Die Riviera Ligure ist in zwei Teile getrennt: im Osten liegt die Riviera di Levante, die sich im Zickzack
von der Toskana bis Genova hinzieht, im Westen zeichnete die Riviera di Ponente einen Bogen westlich
von Genova bis nach Frankreich.
 
Das authentische Ligurien, das wahre, ist noch heute sicherlich das Hinterland, in dem Dörfer und
außerordentliche Wege als Zeugnis einer antiken regionalen Kultur zu finden sind, sowie Handwerk
 und önogastronomische Spezialitäten, die entlang der Küste seit langer Zeit vergessen sind.
Das ist der Grund, weshalb Ligurien nicht nur aus den zwei Rivieren besteht. Und, nur von diesen zu
erzählen, würde die wichtige Stadt Genova ausschließen, die Hauptstadt der Region, einstmals wegen
der prächtigen Paläste mit vergoldeten Zimmerdecken und wertvollen Einrichtungen die "Stolze" genannt.
Ligurien war die Heimat von Cristoforo Colombo, dem Entdecker Amerikas, von Andrea Doria, der die
Seerepublik Genova zu Ruhme führte, so daß sie zu den stärksten Mächten des Mittelmeeres wurde; von
 Niccolo Paganini, dessen Musik von den größten Meistern der Welt gespielt wurde un dnoch immer gespielt wird.

Wer einmal in Ligurien war, wird immer wieder dorthin gerne zurückkehren, um die Fülle von Kunstschätzen 
zu entdecken, die jahrhundertealte Traditionen, die antiken Erzählungen, die kulinarischen Spezialitäten,
die wunderbaren Weine, die außergewöhnlichen Museen.«

Das war also der Landstrich, den ich am 2. September ansteuerte, per Flug via Zürich und Nizza, dann per
Zug entlang der wunderschönen Küste, vorbei an magischen Orten wie Monte Carlo, Menton, Bordighera,
San Remo, San Lorenzo al Mare, Porto Maurizio, Imperia, Diano Marina und letztendlich San Bartolomeo
al Mare, wo  meine Sprachschule war.

Ich landete in Nizza, und dort wartete die erste, unangenehme Überraschung auf mich und viele andere
Passagiere: ein Container mit unserem Gepäck war nicht angekommen und offenbar in einem anderen
Flughafen gelandet. Da standen wir also alle, nur mit unserem Handgepäck und waren ratlos.

Einer der Passagiere, ein junger sportlicher Mann, erzählte mir, daß er einen Kletterkurs in den französischen
Alpen gebucht hätte und sich sein Zelt und seine sehr kostspielige Kletterausrüstung  in seinem Reisegepäck
befände. Er könne gleich wieder zurückfliegen, weil all seine Pläne damit hinfällig geworden seien.

Ein Mann mit schwarzen langen öligen Haaren und dickem Bierbauch geriet mit seiner ebenfalls recht korpulenten
Frau in Streit, und ihren Mienen nach zu schließen, war Eiszeit in ihre Beziehung eingekehrt. Und das bei 30 Grad
Celsius in Nizza, der wundervollen, eleganten Stadt an der französischen Riviera.

Nachdem  alle Geschädigten ihre  Personalien angegeben und eine Referenznummer für das verlorene Gepäck
ausgehändigt bekommen hatten, konnten wir unserer Wege ziehen. Ich erwischte gerade noch den Zug in Richtung
italienische Grenze und reiste also nur mit meiner Handtasche weiter.

Das konnte ja heiter werden: ich war Berlin-mässig, also warm  gekleidet, mit schwarzen langen Hosen, festen
Schuhen und einem dicken Pullover, der eher für Grönland geeignet war. Dies sollte also   in den  ersten Tagen
meine Kleidung im sonnenwarmen Italien sein.

Ein Alptraum!  Ganz abgesehen davon, daß sich mein ganzes Waschzeug in dem fehlgeleiteten Gepäck befand
und ich mir noch nicht einmal die Zähne putzen konnte.

Die herrliche Gegend – das blaue Meer und die wunderschönen blumengeschmückten Orte, die ich dann auf
meiner Zugfahrt zu sehen bekam, entschädigten mich jedoch,  und ich dachte mir, daß sich für alles eine Lösung
finden würde und es viel Schlimmeres gäbe.
 
Auf der letzten Strecke nach der Grenze in Ventimiglia, also schon in Italien, ließ sich kein Schaffner sehen.
Ich hatte keine Ahnung,   wo mein  Zug halten würde. Auch die Mitreisenden, die ich mit meinem spärlichen
Italienisch fragte, wußten es oder verstanden meine Frage nicht.

Der Zug hielt dann  in San Lorenzo al Mare, einem sehr kleinen Ort, und ich dachte mir, wenn er hier hält, wird
er auch in Diano Marina halten, einem Ort, der mindestens genau so groß wie San Lorenzo ist.

Falsch gedacht:  Der Zug fuhr weiter, hielt in Imperia,  und nachdem er schon wieder angefahren war, tauchte 
die vorher lang ersehnte Schaffnerin  auf: Sie teilte mir bedauernd mit, daß dieser Zug nicht in Diano Marina hielte
und die nächste Station Alassio sei.

Ich war fassungslos. Meines Gepäcks "beraubt" saß ich jetzt auch noch in einem Zug, der viel zu weit fuhr. Nie im
Leben würde ich meinen Termin um 19.00 h an der Schule in San Bartolomeo  halten können, da ich ja die zu  weit
gefahrene Strecke irgendwie wieder zurück mußte.
 
Dann - auf einmal -  hielt der Zug,  wahrscheinlich wegen eines  Haltesignals auf der  freien Strecke.
Kurzentschlossen schnappte ich  mein leichtes Gepäck und stieg aus. Die Schaffnerin, die ja mein Dilemma
 kannte,  erschien am Fenster und sagte:

«Non c’è una stazione, ma va, Signora...« Es sei  keine Station, ich solle aber ruhig gehen.

Das tat ich dann auch und hatte durch meinen beherzten Entschluss einige Kilometer Taxe gespart. Andora, ein
kleiner Nachbarort von Sant Bartolomeo, erwies sich als menschenleer,  wahrscheinlich weil Sonntag war.

Nach längerem Suchen trieb ich einen Taxifahrer auf, der mich für teures Geld  nach San Bartolomeo al Mare karrte. 
Endlich war meine Odyssee vorüber, und ich war ich an meinem Ziel gelandet, verschwitzt, müde, durstig  und ohne
Reisetasche. Diese kam dann nach 2 ½ Tagen an, in einem bedauernswerten Zustand. Die eine Seite war wie mit
einem Messer aufgeschlitzt und demzufolge fehlten einige meiner Sachen.
 
3. September 2001:
Aufnahmeprüfung und erster Unterricht: Es sind außer mir noch vier andere Personen in der Klasse, drei
Niederländer und ein junger Deutscher. Die Holländer tun sich schwer mit der italienischen Aussprache und der
Grammatik. Was sie auch sagen, klingt immer nur holländisch.  Da ich sehr große Ähnlichkeiten mit der
französischen Grammatik feststelle, habe ich fast keine Schwierigkeiten, mit der Aussprache auch nicht.
Abends, in meinem Appartement, das ich mit einer jungen Deutschen teile, überdenke ich meinen ersten Tag
und auch meinen kurzen Besuch am Strand  - in voller, warmer Berlinmontur und dies bei einer sommerlichen
Temperatur von mindestens 30 Grad C- .Ich  beschließe, mir am nächsten Tag gleich einen Badeanzug auf dem
Markt zu kaufen.

Auch nehme ich mir vor, selbst ohne Auto, so viel wie möglich von der offensichtlich sehr reizvillen Gegend zu sehen.

Dienstag, den 4. September 2001:
Nach dem morgendlichen Unterricht mache ich einen Abstecher zu Fuß in das nahe gelegene Cervo. Gott
sei Dank habe ich meinen Fotoapparat dabei und mache wie verrückt Aufnahmen von dieser  wunderschönen,
mittelalterlichen Stadt hoch über dem blauen Meer. Ich kann mich nicht satt sehen an dem Ausblick über das
weite  Meer und die Silhouette der fernen Küstenorte.

Cervo, diese uralte Stadt, liegt auf einem weich zum Meer hin verlaufenden Hügel und wird dominiert von
einer malerischen Kirche, San Giovanni Battista. Diese Barockkirche wurde von  Bewohner der Stadt, die
durch Fischfang und Korallenhandel zu Reichtum gekommen waren, erbaut. Hoch auf dem Hügel von Cervo
 thront auf nacktem Fels die Clavesana-Burg, die in den vergangenen Jahrhunderten verschiedene Umbauten
erfuhr, aber noch heute die ursprünglich zu Verteidigungszwecken gedachten Bastionen und Schießscharten
aufweist. Im Dorfzentrum von Cervo reihen sich in kurvigen und schattigen Gassen zwei bis dreistöckige 
mittelalterliche Häuser eng aneinander. Im Laufe der Jahrhunderte fast unverändert geblieben, haben die
Bauten fast alle antike Bogengänge im Erdgeschoß. Vom Burgplatz führt ein schöner Spaziergang durch
Olivenhaine und dichten Fichtenwald zum Ciappà-Park, ein Spaziergang, den ich an meinem letzten Tag
in dieser Gegend machen sollte.

Mittwoch, 5. September 2001
Mit der Sprachgruppe mache ich noch einmal einen Ausflug nach Cervo, das ich ja schon am Vortag bewundert
hatte. Mein einsamer  Spaziergang hatte mir jedoch besser gefallen, weil ich an diesem Tag da verweilen konnte,
wo ich es besonders schön fand. In einer Gruppe fühle ich mich immer wie in einer Herde, die über die Weide
 getrieben wird.

Freitag, 7. September 2001
Gestern machte ich mit meiner Mitbewohnerin, einer jungen Archäologin, einen Abstecher nach Imperia, die
Stadt, die eigentlich aus zwei Städten besteht: aus Oneglia und Porto Maurizio, und ist Geburtststätte des
berühmten genuesischen Admirals Andrea Doria.  Schon viel hatte ich über diese interessante Stadt gelesen, die
mich jetzt mit schönen Geschäften und Cafés in malerischen Arkaden überraschte.

  Von der mit afrikanischen  Palmen gesäumten Uferpromenade hat man einen herrlichen
Blick auf den Golf von Imperia und die Seealpen.


Heute hatte ich mir vorgenommen, nach dem Unterricht die aus der Ferne herüberwinkende Burg bei
Diano Marina zu besuchen, Diano Castello. Nach einem kurzen Besuch der Mole und einem erfrischenden
Bad im herrlich frischen Meer, machte ich mich mit entsprechendem Schuhwerk ausgerüstet, auf den Weg zu
meiner Burgbesteigung. Der Bus brachte mich bis nach Diano Marino, von dort aus ging ich los, immer in
Richtung auf die in ca. 6 km liegenden weißen Burg.
Ich wandere in heißer Sommersonne und genieße die Einsamkeit. Die letzte Strecke ist eine Geröllpassage,
die wie sich dann herausstellt, ein trockener Abwasserlauf ist, durch den ich aber einige Meter Autostrasse
einsparen kann. Oben angelangt, mache ich erst einmal Rast vor einer wunderschönen Kirche, der Pfarrkirche
San Nicola, deren Fassade ich schon vor ein paar Tagen von Imperia kommend in weiter Ferne gesehen und
bewunderte hatte. Ich schaue, auf einer kleinen Mauer sitzend hinunter auf die Ebene und die Stadt Diano
Marina. Ich bin ganz alleine hier, diesen Eindruck habe ich jedenfalls.

Dann streife ich durch die mittelalterlichen Gassen und finde viele schöne Motive für meine  Kamera.
Diano Castello war die antike Residenz des Markgrafen Clavesana und ist sicherlich eins der geschichtsträchtigsten
und architektonisch reichsten Zentren der Riviera di Fiori. In strategischer Position angelegt und mit Kirchen und
Palazzi bereichert, herrscht hier eine antik-magische Atmosphäre.

Den Rückweg mache ich durch die umliegenden Olivenhaine und Weinhänge.  Es ist still, und ich treffe keine
Menschenseele. Das Licht ist wunderbar um diese Stunde. Eine kleine Glocke klingt durch die nachmittägliche Ruhe.

Es war ein wunderbarer einsamer Spaziergang, den ich an diesem Tag gemacht habe. Es war so schön, daß ich
keine Lust hatte, in mein steriles Appartement mit der tropfenden Heizung zu gehen.

So kehrte ich also noch ein, in einem bezaubernden kleinen Lokal in meinem Ort, San Bartolomeo, direkt hinter
dem Campanile, den ich jeden Tag von meinem Appartement aus sehen kann. Neben der  alten Kirche, aus der
frommer Gesang der alten Frauen tönte, und einer kleinen Piazza sowie einer Reihe von sehr alten Palazzi steht
 ein kleines, rotes Haus, in dem sich das rebenumrankte Lokal befindet.  Der Wirt begrüßte mich freundlich und
brachte mir einen Krug mit herrlich frischem Weißwein, den ich zum Abschluß meines schönen Tages genieße.

Samstag, 8. September 2001
Ich habe eine Busreise nach Monaco und Monte Carlo gebucht und treffe kurz vor meiner Abfahrt eine Frau,
die auch an dem Sprachkurs teilnimmt und auch diesen Ausflug machenh will. Es ist schön,
 daß ich in ihr eine nette Gesprächspartnerin gefunden habe.  
Ich knipse die prächtigen Jugendstilbauten rund um
das Spielcasino. Am Yachthafen suchen wir uns beide eine
schöne Yacht aus, die uns gefallen würde.
Schön wäre es....

Trotzdem sind wir beide von dem zur Schau gestellten Reichtum Monacos etwas irritiert.... Schade, daß wir nicht
Gelegenheit hatten, uns Nizza anzuschauen.. Aber vielleicht gibt es ja noch ein anderes Mal.

Sonntag,  9. September 2001
Heute steht der andere Stadtteil Imperias, Porto Maurizio, auf dem Plan. Zusammen mit meiner Monaco-Begleiterin
fahre ich mit dem Bus bis Imperia Porto Maurizio. Wir besteigen die auf einem Hügel gelegene Stadt und sind hin
und weg von der Schönheit dieses mittelalterlichen Ortes. Ich fotografiere wie immer alle Motive, die mich dazu einladen.
Von der eindrucksvollen Santa Chiara-Loggia (einem Säulengang) hoch über dem Meer an der Grenze der alten
Stadtmauer haben wir einen atemberaubenden Blick über das weite Meer und den Golf von Imperia.

Später, unten am dem spiaggio d’oro, dem Goldstand, sitzen wir auf einer kleinen Mauer  unter dem Leuchttum und
genießen den Blick über das bewegte Meer,  die herrliche Uferpromenade und hoch zu der alten mittelalterlichen Stadt,
die verträumt und einsam in der Sonne liegt.
Der kleine Yachthafen beherbergt lange nicht so exklusive Schiffe wie Monaco, aber er ist mir viel sympathischer.
Schön muß es hier sein, wenn alle zwei Jahre die internationale Regatta antiker Seeschiffe stattfindet, vor der
mittelalterlichen Kulisse sicher eine Augenweide. Vielleicht schaffe ich es einmal, zu diesem Anlaß hierherzukommen.

In einem malerischen kleinen Ristorante in der Nähe des Hafens, neben einer weißen, filigranen Kirche essen
und trinken wir nach Herzenslust, und ich flirte ein bißchen mit dem Ober, der von Statur und Kleidung her –
er trägt über einem blütenweißen Hemd mit bauschigen Ärmeln eine schwarze Schärpe - in jeder Verdi-Oper
auftreten könnte. Er winkt mir fröhlich  zu, als wir endlich unseren Heimweg antreten.
Welch ein schöner Tag.....
 
Montag, 10. September 2001
Unterricht und Strand. Gegen Abend besuche ich wieder das kleine Restaurant an der kleinen Kirche und
dem Palazzo. Der Wirt ist erfreut mich zu sehen und flirtet mit mir. Er ist ein sehr gut aussehender Mann, sehr
freundlich und ihm gehört, wie er mir erzählt, der kleine Palazzo und einige alte Häuser hier oben. Sein
 
ungewöhnlicher Name ist Everest, weil er, wie er mit erzählt, am Tag der Erstbesteigung des Everest geboren ist.
Wir sprechen 
italienisch und französisch miteinander. Er sei hier aufgewachsen und nach seinem Studium in Rom
zurückgekommen, um sich um diesen schönen Besitz zu kümmern. Seine Frau bereitet die Speisen vor,
und er hat den Part des freundlichen Gastgebers übernommen. Ich habe  den Eindruck, daß er unter dem
Pantoffel seiner offensicht recht eifersüchtigen  „Mama“ steht.

Dienstag, 11. September 2001
Zusammen mit meiner deutschen Begleiterin fahre ich wieder nach Diano Marino. Wir wollen ein paar
 Geschenke für
unsere Leute zuhause einkaufen. In einem wunderbaren Gartencafé unter Palmen und neben einem
plätschernden Brunnen  sitzen wir, plaudern und genießen den herrlichen sonnigen Nachmittag.....

Beim Rausgehen aus dem Café sehen wir auf einem großen Fernsehschirm, was in diesen Momenten
(es ist hier gerade kurz nach 15.00 h) in Amerika passiert........ eine Welt wird in Schutt und Asche geworfen......
Der junge Mann an der Kasse ist ganz außer sich und sagt immer wieder:

Ich dachte zuerst, die Bilder seien aus einem Science-fiction Film!“

Doch leider war es brutale Wirklichkeit.

In den Straßen von Diano Marina stehen die Menschen beieinander und diskutieren lauthals,  In einem Café,
das offensichtlich fast nur von Deutschen besucht wird, läuft die „Deutsche Welle“ und bringt aufgeregte
Situationsberichte zu dem unfassbaren  Geschehen in  den USA.

Uns ist die Lust aufs  Geschenkekaufen vergangen. So fahren  wir wieder zurück in unseren Ort. Die
restlichen Tage werden von dem schrecklichen Attentat in Amerika überschattet.

Ich besuche den Unterricht, gehe zum Strand und diskutiere mit vielen Menschen. Abends schreibe ich
meinen Gedichtezyklus fertig. Irgendwie habe ich das Gefühl, daß über allem, was ich mache, dieses traurige
Geschehen liegt. In der Nacht wache ich auf und versuche mir vorzustellen,  wie es ist, in einem Flugzeug zu sitzen,
das von Terroristen frontal gegen einen Wolkenkratzer  gesteuert wird ... einfach so....

In den letzten Tagen hat sich das Wetter etwas verschlechtert. Ich habe das Gefühl, es ist herbstlicher geworden.
Am letzten Tag kommt richtiger Sturm auf.  Auch das Wetter hat sich offenbar  der momentanen Stimmungslage
angepaßt.
Nach dem Unterricht mache ich mich zum Meer auf, das gepeitscht vom starken Wind, in hellem Aufruhr ist.
Ein kleiner, älterer Italiener, den ich auf der Strandpromenade treffe, sammelt Pinoli, wie er mir erzählt, die
Früchte der Pinien, die durch starken Wind auf den Boden fallen. Er wird zudringlich, versucht mich festzuhalten, 
und ich mache, daß ich weg komme.

Trotz des schlechten Wetters  will ich noch einmal nach Cervo, der Stadt, die ich als erste während meines
Aufenthaltes hier gesehen  habe. Etwas weiterentfernt vom Strand ist der Wind etwas schwächer, und als ich
wieder oben auf dem Kirchplatz stehe und über die blumenumränkten Häusern  auf das blaue, aufgewühlte
Meer schaue, genieße ich den Moment in vollen Zügen.
Ich wandere zum letzten Mal durch die alten Gäßchen der uralten Stadt, hoch zum Burgplatz. Noch immer
will ich nicht nach Hause, und so schlage ich den Weg zum dem Parco Naturale ein, dem Ciappà-Park, der
sehr schön sein soll.

Ich bin ganz allein unterwegs, und ein bißchen Angst habe ich schon nach meinem Erlebnis mit dem alten Kerl
unten am Strand. Es ist aber mein Wunsch, ein Stück  durch diesen schönen Park zu wandern, bis hinauf zu dem
Punkt, wo man  das Meer sehen kann.
 
Ich laufe los durch den silbrigen Olivenhain, sehe einen alten harmlosen Mann mit seinen zwei Hunden, der sich
an den Weinreben zu schaffen macht. Ich gehe weiter und sehe die alte Stadt Cervo von der anderen Seite.
Leider habe ich meinen Fotoapparat nicht dabei, da ich diesen Spaziergang nicht geplant habe. So muß ich all
die wunderschönen Bilder  in meinem Kopf speichern.

Ich gehe weiter durch den Hain, durchquere einen dichten Fichtenwald und sehe auf einmal tief unter mir
das vom Wind gepeitschte  Meer: tief blau mit weißen Schaumkronen und darüber einen aufgewühlten 
Himmel wie eine herrliche  graublauweiße imposante Skulptur.

Ich  weiß nicht, wo der Himmel aufhört und das Meer beginnt. Weit und breit keine menschliche Seele,
außer mir, die da steht und staunt und sich nicht satt sehen kann.......

Und hier ist mein  Gedichtezyklus..............
 

Italienische Nacht

Wie ein großer
leise schwingender Fächer
weht ein lauer Wind
übers schlafende Land.
Der Mond,
halb verdeckt hinter
dunklen Wolkenschleiern
leuchtet verheißungsvoll
wie ein edler weißer Stein,
wirft fahles Licht
auf die kleine Stadt,
verzaubert sie in ein  Bühnenbild
für ein  Märchen
aus Tausendundeiner Nacht.
Aus weiter Ferne
verhallt leise eine kleine Glocke
im geheimnisvollen Gewisper
der südlichen Nacht.
Ich schmecke das Salz
des  Meeres auf meinen Lippen,
werde zum Teil dieser Nacht
und des unendlichen Universums über mir.
Jeden Augenblick möcht ich bewahren,
mich erinnern an diese magische Nacht.

San Bartolomeo al Mare, am 9. September 2001
 
Im Olivenhain

Flimmernde Sommerhitze
erfüllt das silbrige Grün
des Olivenhains.
Meine Augen
schweifen übers weite,
friedliche Land,
saugen sich voll
mit heiterer Schönheit,
wie eine Biene mit süßem Nektar
Das zirpende Lied der Zikaden
spricht von Sonne, Meer und
heißen Sonnentagen
so wie sie’s sangen
vor ewigen Zeiten schon.
Vom alten Campanile
ertönt eine kleine Glocke
untermalt mit zartem Klang
den Zauber dieses Sommertags.

San Bartolomeo al Mare, am 10. September 2001
 
Ein Abend auf der Piazza

Die letzten Sonnenstrahlen
eines gloriosen Tages werfen
goldenes Licht
verschwenderisch  
über den alten Campanile,
verwandeln alles in
schimmerndes Gold und Ocker. 
Der kleine Palazzo
elegant
in strahlendem Weiß und Grün
erzählt eine Mär
aus längst vergangnen Tagen,
Dieser Augenblick
fügt alles zusammen
zu  herrlicher Ganzheit,
prägt das Bild dieses Landes,
dessen Reichtum
an Schönheit
unermesslich scheint.

San Bartolomeo al Mare, am 10. September 2001
 
Warum nur......?

Italiens Abendhimmel
mit blitzenden Sternen und
Silbermond
wölbt sich  wieder
perfekt schön
über die stille kleine Stadt.
Vor wenigen Stunden nur
wurde Amerika
bis aufs tiefste Mark
angegriffen und verletzt.
Das Symbol Amerikas
versank in Schutt und Asche
und mit ihm viele Tausend Menschen,
die nur eines wollten:
Frieden.
Das Läuten des Campanile
klingt wieder durch die klare Nacht,
singt ein helles Lied zu Ehren Gottes.
Wo nur war Gott gestern morgen
zu dieser schlimmen Stunde
im fernen  Amerika?
Warum nur
ließ er dort die Welt
zur Hölle werden?
 
San Bartolomeo al Mare, am 12. September 2001



Diese Zeilen schrieb ich während eines
Aufenthaltes in Italien im September 2001.

Von einem Moment zum anderen wurde ich damals
 wie alle anderen friedliebenden

Menschen in eine brutale Realität gestoßen.....
Meine Gedanken waren damals und sind noch immer
bei all den Menschen, die  an diesem Tag im September 2001 
ihre Liebsten verloren haben ...


Copyright Gisela Bradshaw
Bartholomeo al Mare, im September 2001/updated  Juni 2021