Ich hatte eine Sprachreise nach Italien gebucht und mir nach längerer
Überlegung einen kleinen Ort an
der ligurischen Küste ausgesucht. San
Bartolomeo al Mare hieß er und lag irgendwo an der ligurischen Küste
zwischen San Remo und Genua.
San Remo kannte ich nur von den dort jährlich stattfindenden
Schlagerwettbewerben, und außerdem war
es bekannt durch sein
offensichtlich sehr gern besuchtes Spielcasino.
Da mir diese Angaben nicht genug waren, schlug ich in meinem Reiseführer nach:
«Wenige Personen außerhalb Italiens
scheinen zu wissen, wo sich Ligurien befindet. Es wird von der
italienischen Riviera gesprochen, aber nicht von Ligurien. Ligurien ist
der Name einer Region, die z
wischen der Toskana und der Provence liegt,
und Riviera bezieht sich auf einen schmalen sichelförmigen
Küstenstrich
auf der Nordseite des Mittelmeeres. Zahlreiche Fischerdörfer,
weltbekannte mondäne Orte
wie San Remo, Alassio, Portofino, die Cinque
Terre und noch andere wie Cervo, Noli, Tellaro und Portovenere,
vielleicht weniger bekannt, aber ebenso schön, jedoch schlichter, die nur zu Fuß oder mit
dem Boot erreicht
werden können, identifizieren Ligurien als ein Land,
das Schritt und Tritt entdeckt werden muß, um kein
scheinbar verborgenes Detail zu verpassen.
Die Riviera Ligure ist in zwei Teile
getrennt: im Osten liegt die Riviera di Levante, die sich im Zickzack
von der Toskana bis Genova hinzieht, im Westen zeichnete die Riviera di
Ponente einen Bogen westlich
von Genova bis nach Frankreich.
Das authentische Ligurien, das wahre,
ist noch heute sicherlich das Hinterland, in dem Dörfer und
außerordentliche Wege als Zeugnis einer antiken regionalen Kultur zu
finden sind, sowie Handwerk
und önogastronomische Spezialitäten, die
entlang der Küste seit langer Zeit vergessen sind.
Das ist der Grund,
weshalb Ligurien nicht nur aus den zwei Rivieren besteht. Und, nur von
diesen zu
erzählen, würde die wichtige Stadt Genova ausschließen, die
Hauptstadt der Region, einstmals wegen
der prächtigen Paläste mit
vergoldeten Zimmerdecken und wertvollen Einrichtungen die "Stolze"
genannt.
Ligurien war die Heimat von Cristoforo Colombo, dem Entdecker
Amerikas, von Andrea Doria, der die
Seerepublik Genova zu Ruhme führte,
so daß sie zu den stärksten Mächten des Mittelmeeres wurde; von
Niccolo Paganini, dessen Musik von den größten Meistern der Welt
gespielt wurde un dnoch immer gespielt wird.
Wer einmal in Ligurien war, wird
immer wieder dorthin gerne zurückkehren, um die Fülle von
Kunstschätzen
zu entdecken, die jahrhundertealte Traditionen, die
antiken Erzählungen, die kulinarischen Spezialitäten,
die wunderbaren
Weine, die außergewöhnlichen Museen.«
Das war also der Landstrich, den ich am 2. September ansteuerte, per
Flug via Zürich und Nizza, dann per
Zug entlang der wunderschönen
Küste, vorbei an magischen Orten wie Monte Carlo, Menton, Bordighera,
San Remo, San Lorenzo al Mare, Porto Maurizio, Imperia, Diano Marina und
letztendlich San Bartolomeo
al Mare, wo meine Sprachschule war.
Ich landete in Nizza, und dort wartete die erste, unangenehme
Überraschung auf mich und viele andere
Passagiere: ein Container mit
unserem Gepäck war nicht angekommen und offenbar in einem anderen
Flughafen gelandet. Da standen wir also alle, nur mit unserem
Handgepäck und waren ratlos.
Einer der Passagiere, ein junger sportlicher Mann, erzählte mir, daß er
einen Kletterkurs in den französischen
Alpen gebucht hätte und sich
sein Zelt und seine sehr kostspielige Kletterausrüstung in seinem
Reisegepäck
befände. Er könne gleich wieder zurückfliegen, weil all
seine Pläne damit hinfällig geworden seien.
Ein Mann mit schwarzen
langen öligen Haaren und dickem Bierbauch geriet mit seiner ebenfalls
recht korpulenten
Frau in Streit, und ihren Mienen nach zu schließen,
war Eiszeit in ihre Beziehung eingekehrt. Und das bei 30 Grad
Celsius
in Nizza, der wundervollen, eleganten Stadt an der französischen Riviera.
Nachdem alle Geschädigten ihre Personalien angegeben
und eine
Referenznummer für das verlorene Gepäck
ausgehändigt bekommen
hatten, konnten wir unserer Wege ziehen. Ich erwischte gerade noch
den Zug in Richtung
italienische Grenze und reiste also nur mit meiner
Handtasche weiter.
Das konnte ja heiter werden: ich war
Berlin-mässig, also warm gekleidet, mit schwarzen langen Hosen,
festen
Schuhen und
einem dicken Pullover, der eher für Grönland geeignet war. Dies sollte also in den ersten Tagen
meine Kleidung im
sonnenwarmen Italien sein.
Ein Alptraum! Ganz
abgesehen davon, daß sich mein ganzes Waschzeug in dem fehlgeleiteten
Gepäck befand
und ich mir noch nicht einmal die Zähne putzen konnte.
Die herrliche Gegend – das blaue Meer und die wunderschönen
blumengeschmückten Orte, die ich dann auf
meiner Zugfahrt zu sehen
bekam, entschädigten mich jedoch, und ich dachte mir, daß sich für alles
eine Lösung
finden würde und es viel Schlimmeres gäbe.
Auf der letzten Strecke nach der Grenze in Ventimiglia, also schon in
Italien, ließ sich kein Schaffner sehen.
Ich hatte keine
Ahnung, wo mein Zug halten würde. Auch die
Mitreisenden, die ich
mit meinem spärlichen
Italienisch fragte, wußten es oder verstanden
meine Frage nicht.
Der Zug
hielt dann in San Lorenzo al Mare, einem sehr kleinen Ort, und ich dachte
mir, wenn er hier hält, wird
er auch in Diano Marina halten, einem Ort,
der mindestens genau so groß wie San Lorenzo ist.
Falsch gedacht: Der Zug fuhr weiter, hielt in Imperia, und nachdem
er schon wieder angefahren war, tauchte
die vorher lang
ersehnte Schaffnerin auf: Sie teilte mir bedauernd mit, daß
dieser Zug nicht in Diano Marina hielte
und die nächste Station Alassio sei.
Ich war fassungslos. Meines Gepäcks "beraubt" saß ich jetzt auch noch
in einem Zug, der viel zu weit fuhr. Nie im
Leben würde ich meinen
Termin um 19.00 h an der Schule in San Bartolomeo
halten können, da ich ja die zu weit
gefahrene Strecke irgendwie
wieder zurück
mußte.
Dann - auf einmal - hielt der Zug, wahrscheinlich wegen eines Haltesignals auf
der freien Strecke.
Kurzentschlossen schnappte ich mein leichtes Gepäck und stieg aus. Die Schaffnerin, die ja mein Dilemma
kannte, erschien am Fenster und sagte:
«Non c’è una stazione, ma va, Signora...« Es sei keine Station, ich solle aber ruhig gehen.
Das tat ich dann auch und hatte durch meinen beherzten Entschluss
einige Kilometer Taxe gespart. Andora, ein
kleiner Nachbarort von Sant
Bartolomeo,
erwies sich als menschenleer, wahrscheinlich weil Sonntag war.
Nach längerem Suchen trieb ich einen Taxifahrer auf, der mich für
teures Geld
nach San Bartolomeo al Mare karrte.
Endlich war meine Odyssee
vorüber, und ich war ich an meinem Ziel gelandet, verschwitzt, müde,
durstig und ohne
Reisetasche. Diese kam
dann nach 2 ½ Tagen an, in einem bedauernswerten Zustand. Die eine
Seite war wie mit
einem Messer aufgeschlitzt und demzufolge fehlten
einige meiner Sachen.
3. September 2001:
Aufnahmeprüfung und erster Unterricht: Es sind außer mir noch vier
andere Personen in der Klasse, drei
Niederländer und ein junger
Deutscher. Die Holländer tun sich schwer mit der italienischen
Aussprache und der
Grammatik. Was sie auch sagen, klingt immer nur holländisch. Da ich sehr große Ähnlichkeiten mit der
französischen Grammatik feststelle, habe ich fast keine
Schwierigkeiten, mit der Aussprache auch nicht.
Abends, in meinem Appartement, das ich mit einer jungen Deutschen
teile, überdenke ich meinen ersten Tag
und auch meinen kurzen Besuch am
Strand - in voller, warmer Berlinmontur und dies bei einer sommerlichen
Temperatur von mindestens 30 Grad C- .Ich beschließe, mir am nächsten Tag gleich einen Badeanzug auf dem
Markt zu kaufen.
Auch nehme ich mir vor, selbst ohne Auto, so viel wie möglich von der offensichtlich sehr reizvillen Gegend zu sehen.
Dienstag, den 4. September 2001:
Nach dem morgendlichen Unterricht mache ich einen Abstecher zu Fuß in
das nahe gelegene Cervo. Gott
sei Dank habe ich meinen Fotoapparat
dabei und mache wie verrückt Aufnahmen von dieser wunderschönen,
mittelalterlichen Stadt hoch über dem blauen Meer. Ich kann mich nicht
satt sehen an dem Ausblick über das
weite Meer und die
Silhouette der fernen Küstenorte.
Cervo, diese uralte Stadt, liegt auf einem weich zum Meer hin
verlaufenden Hügel und wird dominiert von
einer malerischen Kirche, San
Giovanni Battista. Diese Barockkirche wurde von Bewohner der
Stadt, die
durch Fischfang und Korallenhandel zu Reichtum gekommen
waren, erbaut. Hoch auf dem Hügel von Cervo
thront auf nacktem Fels die
Clavesana-Burg, die in den vergangenen Jahrhunderten verschiedene
Umbauten
erfuhr, aber noch heute die ursprünglich zu
Verteidigungszwecken gedachten Bastionen und Schießscharten
aufweist.
Im Dorfzentrum von Cervo reihen sich in kurvigen und schattigen Gassen
zwei bis dreistöckige
mittelalterliche Häuser eng aneinander. Im
Laufe der Jahrhunderte fast unverändert geblieben, haben die
Bauten
fast alle antike Bogengänge im Erdgeschoß. Vom Burgplatz führt ein
schöner Spaziergang durch
Olivenhaine und dichten Fichtenwald zum
Ciappà-Park, ein Spaziergang, den ich an meinem letzten Tag
in dieser
Gegend machen sollte.
Mittwoch, 5. September 2001
Mit der Sprachgruppe mache ich noch einmal einen Ausflug nach Cervo,
das ich ja schon am Vortag bewundert
hatte. Mein einsamer Spaziergang hatte mir
jedoch besser gefallen, weil ich an diesem Tag da verweilen konnte,
wo ich es
besonders schön fand. In einer Gruppe fühle ich mich immer wie in einer
Herde, die über die Weide
getrieben wird.
Freitag, 7. September 2001
Gestern machte ich mit meiner Mitbewohnerin, einer jungen Archäologin,
einen Abstecher nach Imperia, die
Stadt, die eigentlich aus zwei
Städten besteht: aus Oneglia und Porto Maurizio, und ist Geburtststätte des
berühmten genuesischen Admirals Andrea Doria. Schon viel hatte ich über diese interessante Stadt gelesen, die
mich jetzt mit schönen Geschäften und Cafés in malerischen Arkaden überraschte.
Von der mit afrikanischen
Palmen gesäumten Uferpromenade hat man einen herrlichen
Blick auf den
Golf von Imperia und die Seealpen.
Heute hatte ich mir vorgenommen, nach dem Unterricht die aus der Ferne
herüberwinkende Burg bei
Diano Marina zu besuchen, Diano Castello. Nach
einem kurzen Besuch der Mole und einem erfrischenden
Bad im herrlich
frischen Meer, machte ich mich mit entsprechendem Schuhwerk
ausgerüstet, auf den Weg zu
meiner Burgbesteigung. Der Bus brachte mich
bis nach Diano Marino, von dort aus ging ich los, immer in
Richtung auf
die in ca. 6 km liegenden weißen Burg.
Ich wandere in heißer Sommersonne und genieße die Einsamkeit. Die
letzte Strecke ist eine Geröllpassage,
die wie sich dann herausstellt,
ein trockener Abwasserlauf ist, durch den ich aber einige Meter
Autostrasse
einsparen kann. Oben angelangt, mache ich erst einmal Rast
vor einer wunderschönen Kirche, der Pfarrkirche
San Nicola, deren
Fassade ich schon vor ein paar Tagen von Imperia kommend in weiter
Ferne gesehen und
bewunderte hatte. Ich schaue, auf einer kleinen Mauer
sitzend hinunter auf die Ebene und die Stadt Diano
Marina. Ich bin ganz
alleine hier, diesen Eindruck habe ich jedenfalls.
Dann streife ich durch die mittelalterlichen Gassen und finde viele schöne Motive für meine Kamera.
Diano Castello war die antike Residenz des Markgrafen Clavesana und ist
sicherlich eins der geschichtsträchtigsten
und architektonisch
reichsten Zentren der Riviera di Fiori. In strategischer Position
angelegt und mit Kirchen und
Palazzi bereichert, herrscht hier eine
antik-magische Atmosphäre.
Den Rückweg mache ich durch die umliegenden Olivenhaine und
Weinhänge. Es ist still, und ich treffe keine
Menschenseele. Das
Licht ist wunderbar um diese Stunde. Eine kleine Glocke klingt durch
die nachmittägliche Ruhe.
Es war ein wunderbarer einsamer Spaziergang, den ich an diesem Tag
gemacht habe. Es war so schön, daß ich
keine Lust hatte, in mein
steriles Appartement mit der tropfenden Heizung zu gehen.
So kehrte ich
also noch ein, in einem bezaubernden kleinen Lokal in meinem Ort, San
Bartolomeo, direkt hinter
dem Campanile, den ich jeden Tag von meinem
Appartement aus sehen kann. Neben der alten Kirche, aus der
frommer Gesang der alten Frauen tönte, und einer kleinen Piazza sowie
einer Reihe von sehr alten Palazzi steht
ein kleines, rotes Haus, in dem
sich das rebenumrankte Lokal befindet. Der Wirt begrüßte mich
freundlich und
brachte mir einen Krug mit herrlich frischem Weißwein, den
ich zum Abschluß meines schönen Tages genieße.
Samstag, 8. September 2001
Ich habe eine Busreise nach Monaco und Monte Carlo gebucht und treffe
kurz vor meiner Abfahrt eine Frau,
die auch an dem Sprachkurs
teilnimmt und auch diesen Ausflug machenh will. Es ist schön,
daß ich in ihr eine nette Gesprächspartnerin
gefunden habe. Ich knipse die prächtigen Jugendstilbauten rund um
das
Spielcasino. Am Yachthafen suchen wir uns beide eine schöne Yacht aus,
die uns gefallen würde.
Schön wäre es....
Trotzdem sind wir beide von dem zur Schau gestellten Reichtum Monacos etwas irritiert.... Schade, daß wir nicht
Gelegenheit hatten, uns Nizza anzuschauen.. Aber vielleicht gibt es ja noch ein anderes Mal.
Sonntag, 9. September 2001
Heute steht der andere Stadtteil Imperias, Porto Maurizio, auf dem
Plan. Zusammen mit meiner Monaco-Begleiterin
fahre ich mit dem Bus bis
Imperia Porto Maurizio. Wir besteigen die auf einem Hügel gelegene
Stadt und sind hin
und weg von der Schönheit dieses mittelalterlichen
Ortes. Ich fotografiere wie immer alle Motive, die mich dazu einladen.
Von der eindrucksvollen Santa Chiara-Loggia (einem Säulengang) hoch
über dem Meer an der Grenze der alten
Stadtmauer haben wir einen
atemberaubenden Blick über das weite Meer und den Golf von Imperia.
Später, unten am dem spiaggio d’oro, dem Goldstand, sitzen wir auf
einer kleinen Mauer unter dem Leuchttum und
genießen den Blick
über das bewegte Meer, die herrliche Uferpromenade und hoch zu
der alten mittelalterlichen Stadt,
die verträumt und einsam in der
Sonne liegt.
Der kleine Yachthafen beherbergt lange nicht so exklusive Schiffe wie
Monaco, aber er ist mir viel sympathischer.
Schön muß es hier sein,
wenn alle zwei Jahre die internationale Regatta antiker Seeschiffe
stattfindet, vor der
mittelalterlichen Kulisse sicher eine Augenweide.
Vielleicht schaffe ich es einmal, zu diesem Anlaß hierherzukommen.
In einem malerischen kleinen Ristorante in der Nähe des Hafens, neben
einer weißen, filigranen Kirche essen
und trinken wir nach Herzenslust,
und ich flirte ein bißchen mit dem Ober, der von Statur und Kleidung
her –
er trägt über einem blütenweißen Hemd mit bauschigen Ärmeln eine
schwarze Schärpe - in jeder Verdi-Oper
auftreten könnte. Er winkt mir fröhlich
zu, als wir endlich unseren Heimweg antreten.
Welch ein schöner Tag.....
Montag, 10. September 2001
Unterricht und Strand. Gegen Abend besuche ich wieder das kleine
Restaurant an der kleinen Kirche und
dem Palazzo. Der Wirt
ist erfreut mich zu sehen und flirtet mit mir. Er ist ein sehr gut
aussehender Mann, sehr
freundlich und ihm gehört, wie er mir erzählt,
der kleine Palazzo und einige alte Häuser hier oben. Sein
ungewöhnlicher Name ist Everest, weil er, wie er mit erzählt, am Tag der Erstbesteigung des
Everest geboren ist.
Wir sprechen
italienisch und französisch miteinander. Er sei hier aufgewachsen und
nach seinem Studium in Rom
zurückgekommen, um sich um diesen schönen
Besitz zu kümmern. Seine Frau bereitet die Speisen vor,
und er hat den Part des freundlichen Gastgebers übernommen. Ich
habe den Eindruck, daß er unter dem
Pantoffel seiner offensicht recht eifersüchtigen „Mama“
steht.
Dienstag, 11. September 2001
Zusammen mit meiner deutschen Begleiterin fahre ich wieder nach Diano Marino. Wir
wollen ein paar
Geschenke für unsere Leute zuhause einkaufen. In einem
wunderbaren Gartencafé unter Palmen und neben einem
plätschernden
Brunnen sitzen wir, plaudern und genießen den herrlichen sonnigen
Nachmittag.....
Beim Rausgehen aus dem Café sehen wir auf einem großen Fernsehschirm,
was in diesen Momenten
(es ist hier gerade kurz nach 15.00 h) in
Amerika passiert........ eine Welt wird in Schutt und Asche
geworfen......
Der junge Mann an der Kasse ist ganz außer sich und sagt immer wieder:
„Ich dachte zuerst, die Bilder seien aus einem Science-fiction Film!“
Doch leider war es brutale Wirklichkeit.
In den Straßen von Diano Marina stehen die Menschen beieinander und
diskutieren lauthals, In einem Café,
das offensichtlich fast nur von
Deutschen besucht wird, läuft die „Deutsche Welle“ und bringt
aufgeregte
Situationsberichte zu dem unfassbaren Geschehen in den USA.
Uns ist die Lust aufs Geschenkekaufen vergangen. So fahren wir wieder zurück
in unseren Ort. Die
restlichen Tage werden von dem schrecklichen Attentat in Amerika überschattet.
Ich besuche den Unterricht, gehe zum Strand und diskutiere mit
vielen Menschen. Abends schreibe ich
meinen Gedichtezyklus fertig.
Irgendwie habe ich das
Gefühl, daß über allem, was ich mache, dieses traurige
Geschehen liegt.
In der Nacht wache ich auf und versuche mir vorzustellen, wie es
ist, in einem
Flugzeug zu sitzen,
das von Terroristen frontal gegen einen
Wolkenkratzer gesteuert wird ... einfach
so....
In den letzten Tagen hat sich das Wetter etwas verschlechtert. Ich habe das Gefühl, es ist herbstlicher geworden.
Am letzten Tag kommt richtiger Sturm auf. Auch das Wetter hat sich offenbar der momentanen Stimmungslage
angepaßt.
Nach dem Unterricht mache ich mich zum Meer auf, das
gepeitscht vom starken Wind, in hellem Aufruhr ist.
Ein kleiner,
älterer Italiener, den ich auf der Strandpromenade treffe, sammelt
Pinoli, wie er mir erzählt, die
Früchte der Pinien, die durch starken Wind auf den Boden fallen. Er wird zudringlich, versucht mich
festzuhalten,
und ich mache, daß ich weg komme.
Trotz des schlechten Wetters will ich noch einmal nach Cervo, der Stadt,
die ich als erste während meines
Aufenthaltes hier gesehen habe. Etwas
weiterentfernt vom Strand ist der Wind etwas schwächer, und als ich
wieder
oben auf dem Kirchplatz stehe und über die blumenumränkten Häusern auf das blaue, aufgewühlte
Meer
schaue, genieße ich den Moment
in vollen Zügen.
Ich wandere zum letzten Mal durch die alten Gäßchen der uralten Stadt,
hoch zum Burgplatz. Noch immer
will ich nicht nach Hause, und so schlage
ich den Weg zum dem Parco Naturale ein, dem Ciappà-Park, der
sehr schön
sein soll.
Ich bin ganz allein unterwegs, und ein bißchen Angst habe ich
schon nach meinem Erlebnis mit dem alten Kerl
unten am Strand. Es ist aber mein Wunsch, ein Stück
durch diesen schönen Park zu wandern, bis
hinauf zu dem
Punkt, wo man das Meer sehen kann.
Ich laufe los durch den silbrigen Olivenhain, sehe einen alten
harmlosen Mann mit seinen zwei Hunden, der sich
an den Weinreben zu
schaffen macht. Ich gehe weiter und sehe die alte Stadt Cervo von der
anderen Seite.
Leider habe ich meinen Fotoapparat nicht dabei, da ich
diesen Spaziergang nicht geplant habe. So muß ich all
die wunderschönen Bilder in meinem Kopf speichern.
Ich gehe weiter durch den Hain, durchquere einen dichten Fichtenwald
und sehe auf einmal tief unter mir
das vom Wind gepeitschte Meer: tief blau mit weißen
Schaumkronen und darüber einen aufgewühlten
Himmel wie eine herrliche
graublauweiße imposante Skulptur.
Ich weiß nicht, wo der Himmel aufhört und
das Meer beginnt. Weit und breit keine menschliche Seele,
außer mir,
die da steht und staunt und sich nicht satt sehen kann.......
Und hier ist mein Gedichtezyklus..............