Reise nach Apulien
vom 24. September bis 2. Oktober 2004

Apulien





In dem nachfolgenden Reisebericht erzähle  ich über eine Reise nach Apulien, die ich zusammen mit meiner Tochter unternommen habe. Es ist ein persönlicher Bericht, in dem ich  aus Platzgründen nicht detailliert auf all die Orte eingehen kann, die wir besucht haben. Ich weise hier auf das exzellente Reisetaschenbuch „Apulien“ aus dem  Dumont -Verlag, das uns auf unseren Unternehmungen bestens begleitet hat und aus dem ich hin und wieder zitiere.
 
Freitag, den 24.9.04:
Ankunft in Brindisi. Ich bin mit Volareweb geflogen, via Venedig. Von dieser schönen Stadt habe ich leider nichts gesehen, weil wir nur umsteigen mussten. Brindisi ist ein kleiner Provinzflughafen, der aber doch wichtig zu sein scheint, weil er nämlich von Soldaten mit Maschinenpistolen bewacht wird. Komischerweise  tragen diese jungen Soldaten zu ihrer sonst martialischen Ausrüstung Zipfelmützen, die offensichtlich zu dieser italienischen Uniform gehören.

Die Luft ist warm und die Sonne scheint, als wir endlich den Boden Italiens betreten. Meine Tochter  sollte erst später am Abend ankommen. So nehme ich als erstes das Auto in „Besitz“, das wir per Internet für diese Woche gebucht hatten. Es ist zu meiner Freude ein Nissan, ein neues Modell, sehr spritzig und schön zu fahren.
Zuerst habe  ich ziemliche Angst, mich in den Verkehr von Brindisi zu stürzen, dann aber  fahre ich einfach los, zunächst einmal zu dem Hotel, wo wir die erste Nacht bleiben wollen. Es sollte an der strada statale Nr. 16 in Richtung St. Vito dei  Normanni liegen.  Nach einigen Schwierigkeiten finde ich  Hotel Minerva, das wir auch per  Internet gebuchthaben. Es macht einen sehr guten Eindruck mit einem  Haupthaus und vielen kleinen Bungaloweinheiten, die sich um einen malerisch angelegten Swimmingpool  gruppieren.

Obwohl mich das Blau des  Wassers  und der herrliche Sonnenschein  locken, verzichte ich auf das kühle Naß und fahre gleich los, um mich in Brindisi ein bißchen umzusehen. Ich parke am Hafen und bin dann auch gleich an der richtigen Stelle, von der aus ich die Altstadt erforschen kann. Es gibt eine Kathedrale, viele schöne alte Kirchen, die alle versteckt in dem Straßengewirr liegen. Die Gebäude sehen alle recht  ramponiert aus, was wir in den anderen Städten Apuliens leider auch immer wieder feststellen mußten. Natürlich habe ich meine Kamera dabei und knipse eifrig drauf los. In einem kleinen Straßencafé gönne ich mir einen wunderbar schmeckenden Eisbecher. Die Italiener machen  doch das beste Eis!

Zurück im Hotel setze mich an den  Pool und genieße die abendliche immer noch warme Sonne. Der Himmel ist veilchenblau durchwirkt von weißen Wölkchen, die wie kleine, dahin gehauchte Sahnehäubchen aussehen.Am Pool tummeln sich ein paar junge Leute, der Sprache nach Russen, die miteinander herumalbern und im Wasser  lautstark ihre Späße treiben.
Später am Abend mache ich mich zum Flughafen auf, um S.  abzuholen. Wieder verfahre ich mich ausgiebig und finde endlich  -  per Zufall – den Aeroporto oder Aerostazione, wie der Flughafen hier ausgeschildert ist.
Auf unserer Rückfahrt zum Hotel - es ist inzwischen dunkel geworden -   haben wir wieder Schwierigkeiten, die richtige Zufahrtsstraße zum Hotel zu finden. Leider ist uns keine gute Nacht gegönnt: ganze Schwärme von Moskitos umsurren uns und rauben uns den Schlaf.

Samstag, 25. September 2004:
Das Frühstück, das wir uns schmecken lassen,  ist gut, typisch italienisch, Weißbrot, Butter, Marmelade, Kaffee, Kuchen.
Anschließend beginnt unser Abenteuer "Apulien".Wir fahren in Richtung  Golf von Tarent, zum ionischen Meer. Die erste wunderschöne Stadt, in die wir kommen, ist Oria. Wir steigen aus, um uns ein bisschen umzusehen.
„Zu Oria:
Ursprünglich ein wichtiges messapisches*  Zentrum (Hyria) wurde Oria im 9. – 11. Jh in sicherer Entfernung vom Meer  und in angenehmer Höhe (166 m) Sitz des Bischofs von Brindisi. An der Stelle, wo früher eine byzantinische Burg stand, ließ Friedrich II. 1227 – 33 eine Festung errichten, die von den Anjous später weiter ausgebaut wurde. Das Castello (ein Nationalmonument)  liegt auf einer kleinen, von üppigem Grün umgebenen Hügelkuppe. In einem großen Dreieck zinnengekrönter Mauern wird es von zwei mächtigen Rundtürmen geschützt. Leider kann man das Castello nicht besichtigen, da es sich in Privatbesitz befindet."
(* Messapier = Volkstamm aus dem Balkan, der im 13. bis 10. Jh. vor Christus in diesem Gebiet siedelte).
Es lohnt sich, einfach nur so durch die malerischen mit großen Pflastersteinen belegten  Gassen von Oria zu schlendern, was wir dann auch machen. Wir erfreuen uns an den schmalen Treppengassen, den kleinen Balkonen mit üppigem Blumenschmuck, den barocken Häusern, deren Eingänge oftmals  mit kleinen Wappen verziert sind. Der Himmel, der leider etwas bedeckt ist, reißt dann auf einmal  auf und erstrahlt in herrlichem Blau. Die schönen alten Gebäude, an denen wir vorbei kommen, sehen in diesem Licht noch einmal so schön aus.

Weiter geht es dann in Richtung Westen. Manduria ist  die nächste größere Stadt, durch die wir fahren. Auf der engen Straße kommen uns zwei Männer entgegen, die zwei riesengroße und sicher auch entsprechend schwere Amphoren zum Markt schleppen. Leider schaffen wir es nicht, während unseres Aufenthaltes in Apulien eine Cantina (eine Art Weingenossenschaft) zu finden, wo man günstig und gut Wein kosten und kaufen kann. Der apulische Wein schmeckt vorzüglich, besonders der goldgelbe Weißwein ist sehr aromatisch und würzig.

Wir halten kurz an, um Kakteenfrüchte zu kaufen. S. ist ausgestiegen und fängt an, mit dem Verkäufer, einem steinalten Männlein,  zu verhandeln. Er will nicht kapieren, dass sie nicht 30 Früchte sondern nur etwa 10 Stück kaufen will.  Der Alte ist gar nicht nett und  fängt an  zu keifen und zu schimpfen. Ein anderer Mann ist Zeuge unserer Auseinandersetzung, die ich mit meinen paar Brocken Italienisch bestreite, greift aber nicht ein, sondern grinst nur.  Zum Schluß fahren wir mit einer Riesentüre Kakteenfrüchte weiter. Etwas später treffen wir per Zufall diesen Mann wieder. Er sagt, wir hätten recht gehabt: Der Alte sei ein Halsabschneider, an jedem Kaktusstrauch könne man diese Früchte umsonst abpflücken.
 
In Marugio angekommen, rufen wir  Orietta an, unsere Kontaktperson, die uns dann auf verschlungenen Wegen zu unserem Ferienhaus am Meer lotst. Das Haus mit zwei angrenzenden Studios liegt ca. 300 m entfernt vom Meer hinter einem Schilfgebiet, ganz still und romantisch mitten in der Natur. Wir haben  nur ein kleines Studio gemietet, das sehr praktisch, eher spartanisch, aber durchdacht eingerichtet ist. Es gibt sogar einen CD-Player mit einigen CDs. Das große Bett erweist sich leider als Flop. Es ist  praktisch unmöglich, zu zweit darin zu schlafen. Wenn der eine sich umdreht oder sich auch nur ein bisschen bewegt, fliegt der andere wie auf einer Schaukel hoch. Eine Lösung dieses Problems ist schnell gefunden: ich  baue mir jeden Abend mein Bett auf einer Liege, die zwar sehr schmal ist, auf der ich aber recht gut schlafen kann.

Wir gehen hinunter  zum Meer und sind entzückt. Vor uns liegt das Meer im Abendschein, unendlich weit, leicht gekräuselt. Der Strand ist  breit mit hellem Sand und total einsam. Wir laufen die Düne hinunter und können es nicht fassen, dass wir die nächsten Tage diese Schönheit ganz für uns haben. Ich habe das Meer, den Strand und den Himmel dann ganz oft fotografiert, um mich später zuhause an den Fotos erfreuen. Als wir gegen Abend zurück kommen, gibt es  Probleme mit der Alarmanlage: sie lässt sich nicht mehr entschärfen, und wir kommen nicht in unser Studio.
Oriettas Mann muss kommen und die Anlage wieder flott machen. Antonio, ein mittelgroßer, wohlgenährter Mann, erweist sich als findig und hat die Elektronik der Anlage mit Schraubenzieher und Zange innerhalb kürzester Zeit repariert.

Gegen Abend fahren wir nach Porto Cesario, entlang der Küstenstrasse, vorbei am Blau des Meeres. Wie sehen viele  Torres,  ehemaligen Wachtürme, die zur Zeit der Spanier entlang der ganzen 800 km langen Küste zu Verteidigungszwecken errichtet wurden. Einige von ihnen sind gut erhalten, ja sogar bewohnt, andere aber auch in einem äußerst baufälligen Zustand.
Porto Cesario, ein schöner Ort mit einem stattlichen Jachthafen, ist wie ausgestorben. Die Läden sind geschlossen (es ist noch Siestazeit – wie immer von 13.oo bis 17.30 Uhr). In einer  Pizzeria gönnen wir uns Pizza Diavolo, belegt mit feuriger Paprika und Chilis,  die ganz hervorragend schmecken. . Der dazu gereichte süffige Weißwein löscht sehr gut unseren  Durst und das durch die scharfe Paprika entfachte Feuer. Während unseres Aufenthaltes in Campo Marino fuhren wir noch einige Male in dieses Klasse-Restaurant.

In der ersten Nacht in unserem Studio  werden wir von einem ungeheuer starken Gewitter aufgeweckt.  Es donnert und blitzt ohne Unterlass, auf die Blitze folgt sofort  dumpf grollender Donner, was bedeutet, dass sich das Gewitter direkt über uns befindet. Ich ziehe alle elektrischen Stecker heraus, damit kein Blitz einschlagen kann. Es gießt wie aus Kübeln. Am nächsten Morgen ist aber alles vergessen, und der neue Tag präsentiert sich frisch und schön mit einem herrlichen zartblauen Himmel. Ich benütze zum ersten Mal die Außendusche (rundherum gemauert und ohne Dach)  und genieße das herrlich warme Wasser auf meiner Haut. Wenn ich hoch blicke, schaue ich direkt  in den blauen, von einigen weißen Wölkchen durchwobenen Sommerhimmel. Das war Urlaub, auch diese Dusche im Freien, Ende September, wenn zur gleichen Zeit die Menschen im Norden Europas froren und über  kaltes Wetter schimpften.

Nach meinem morgendlichen Duschspaß schnappe ich meine Kamera und gehe hinunter zum Strand. Ich fotografiere das Meer, die heranrollenden Wellen und den herrlichen Himmel. Als ich mit tüchtigem Appetit auf ein schönes Frühstück zurück komme, ist  S.  gerade erwacht. Wir frühstücken wie die Italiener: mit italienischem Kaffee mit Milch, Früchten, Brot und Marmelade.
Der kleine, sehr liebevoll angelegte Garten vor dem Haupthaus hatte durch den starken Regen in der Nacht sehr gelitten. Die dicken blauen Kissen auf den schönen im Kreise aufgestellten Holzstühlen sind pitschnass und  für den Rest unserer  Zeit unbrauchbar. Irgendeine unsichtbare sich kümmernde Fee hat sie dann eines Tages einmal entfernt.
 
Sonntag, 26. 9.2004:
Unser Ziel heute ist Lecce, die bei Kunsthistorikern beliebte und berühmte barocke Stadt,  ca. eine  Stunde von unserem Standort entfernt.  Bevor wir losfahren, machen wir erst mal am Meer halt und geniessen den herrlichen Anblick.  Nach dem starken Regen ist die Wasseroberfläche ganz glatt. Alles ist ein einziges Farbenspiel in zartem Blau, Weiß und Hellgrau. Silbrig glänzend bis hin zum fernen Horizont erstreckt sich die Fläche des Ozeans und verliert sich im fernen blaugrauen Horizont.
In Lecce angekommen sind wir über die miserable Beschilderung in der Stadt erbost. Nur per Zufall finden wir das Zentrum.  Die Außenbezirke sind hässlich und machen einen sehr ärmlichen Eindruck. Die Innenstadt jedoch ist schön, voll von imposanten barocken Bauten. Besonders der Dom und der riesige Platz davor sind äußerst beeindruckend.

„Zu Lecce:
Das ausnehmend Schöne an Lecce (gegründet ca. 1211 v. Chr. von Malennius, dem Sohn des ersten Salentiner Königs Dasummus)  ist die  gesamte planerische Gestaltung der Stadt: Die Anlage der Plätze und Straßen lässt ein Gesamtkonzept erkennen, eine Abstimmung aller Elemente aufeinander. Nicht zuletzt daraus resultiert die beispielhafte Wohnlichkeit der Stadt. Lecce, die „Perle des apulischen Barocks“ lässt sich auch gerne „barockes Athen“ und „apulisches Florenz“ nennen. Man sieht, diese elegant-bürgerliche Universitätsstadt mit vielen guten Schulen in der Tradition der Priesterseminare seit dem 17. und 18. Jh. leidet nicht an Komplexen. Sie ist die wirtschaftliche und kulturelle Metropole des Salento und der Provinz Lecce".
Leider sind wir auch hier wieder genau zur Siestazeit angekommen. Alle Läden sind hermetisch geschlossen, auch die Lokale, so daß wir  hungrig wie wir waren, in einem McDonalds landen.Auf unser Rückfahrt gewittert es stürmisch, es regnet wie aus Kannen. Überall ist „Land unter“.

Montag, 27.9.04:
Ausflug nach Manduria: Die Stadt gefällt uns trotz einiger hübscher alter Gebäude nicht.
Wir suchen einen Supermarkt, weil wir dringend Proviant für unser Ferienhaus brauchen. Wir folgen einfach Leuten mit Einkaufstüten und finden endlich ein großes, solide  aussehendes Geschäft.  Hier bekommen wir alles, was wir brauchen:  herrlich frisches Brot, rohen Schinken, Oliven, Wein….., was man so  zu einem guten Imbiss braucht. Der Italiener hinter der Theke ist sehr freundlich und fragt uns neugierig, woher wir kommen. Offensichtlich sind nur noch wenig Fremde in der Gegend unterwegs.

Nachmittags gehen wir zum Strand. Das Meer ist wegen des stürmischen Windes sehr bewegt. Riesige Wellen brechen sich an den Steinplatten in Ufernähe. Wir spielen mit den Wellen, werfen uns in sie hinein und haben Spaß, bis mich eine starke Welle ergreift,  mit Gewalt auf die Steine schleudert, mich wieder packt und erneut gegen die Felsen schleudert. Mit Müh und Not und der Hilfe von S. entkomme ich der Gewalt des Wassers und erreiche das Ufer. Die rissigen Steine haben meinen rechten Oberschenkel aufgeschürfte. Blut läuft an meinem rechten Bein herunter. Gott sei Dank sind die Verletzungen aber doch nur oberflächlich, und in den nächsten Tagen habe ich bereits alles wieder vergessen.

Dienstag, 28.9.2004:
Heute steht eine Fahrt nach Alberobello auf unserem Programm. Der Tag ist wieder wunderschön, und wir erfreuen uns an der schönen Landschaft und den Orten, die wir durchfahren:  Martina Franca und Locorotondo. Beide Städte erstrahlen in weiß und sind prächtig anzuschauen.

Zu Martina Franca: “Seinen Ursprung hat diese Stadt Flüchtlingen aus Taranto zu verdanken, die im 10. Jahrhundert vor den Sarazenen flüchteten, um auf dem Monte Martino zu siedeln. Im 13. Jh. wurde das Dorf von Philip I. von Anjou erweitert. Allen Stadtbewohnern versprach er besondere Rechte und Freiheiten. So kam der Ort zu seinem Namen (franca=frei). Auch hier, sowie in der ganzen Provinz, wird Weißwein angebaut  -trocken-süffiger Wein, produziert von den drei Städten Locorotondo, Martina Franca und Cisternino in der „Cantina del Locorotondo."

Zu Locorotundo: “Der Name heißt „runder Ort“ , und in der Tat ist er rund angelegt. In 410 m Höhe liegt er über dem Trulli -Itria-Tal im Dreieck der Provinzen Bari-Brindisi-Taranto. Das Zentrum auf der Hügelkuppe prägen weiß getünchte Häuser, aus denen nur die sandfarbene neoklassizistische Pfarrkirche San Giorgio herausragt".
Wir kommen durch Grottaglie, eine in dieser Gegend bekannte Keramikstadt. In der Via Crispi, die hoch zu dem  Castello Episcopolo führt, liegt eine Keramikwerkstatt neben der anderen (insgesamt gibt es hier 52 registrierte Werkstätten, so genannte Quartiere delle Ceramiche).
Das Castello Episcopolo, ein bischöfliches Kastell,  enthält ein Keramikmuseum, das leider gerade seine Türen schließt,  Siesta!   Wir können gerade noch einen kleinen Blick in den hübschen Innenhof werfen, in dem zwei wunderschöne Krippen mit Keramikfiguren aufgestellt sind.

Endlich landen wir dann in Alberobello, dem eigentlichen Ziel unserer Fahrt.
„Alberobello  gehört zum Weltkulturerbe und steht  unter dem Schutz der UNESCO. In der “Zona Monumentale“ stehen insgesamt ca. 11 000 Trullis (kegelförmige  strahlend weiße Rundbauten mit  spitz zulaufenden schwarzen Dächern, die früher als Unterstellraum für Gerätschaft dienten und später zu Wohnzwecken genützt wurden (meist mehrere Trullis zusammen). Die Bauweise stammt wahrscheinlich aus Syrien. Die reisenden Handwerker, die den Bauern beim Bau dieser Häuser halfen, nennen sich Trullari oder caseddari. Niemand kennt bis heute die Bedeutung der weißen, magisch anmutenden  Zeichen auf den dunklen runden Steindächern. Sie werden von einer Generation an die andere  Generation weiter gegeben“.

Wir machen einen ausgedehnten Spaziergang durch diese merkwürdige Welt der Trullis. Ein Teil der Stadt  (Rinne Monti) ist sehr touristisch (hier wird so mancher Schnickschnack zu teuren Preisen verkauft), der andere Teil (Aina Piccola) aber bleibt  weitgehend von den Touristenströmen verschont und wirkt daher viel authentischer. Wir unterhalten uns ein bisschen mit Leuten, die tatsächlich noch ihren festen Wohnsitz in diesen Trullis haben und sich offensichtlich sehr wohl fühlen. In einer kleinen Cafeteria unter einem großen Schatten werfenden Baum machen wir Rast und trinken einen guten Capuccino.
Auf unserer Heimfahrt fahren wir in Richtung Taranto, der großen Hafen- und Industriestadt am Ionischen Meer, die sich schon von weither durch einen schwarzgelb verdüsterten Himmel bemerkbar macht. Wir sind froh, diese Monsterstadt umfahren zu können. Die „strada litoranea“, die kleine Küstenstrasse, führt uns direkt am Meer entlang zu unserem Feriendomicil  Campo Marino.

Inzwischen war es Abend geworden und die Sonne war schon fast ganz untergegangen. Auf einem Hügel machen wir halt und betrachten lange den in allen Rotfarben leuchtenden Himmel.

Mittwoch, 29.9.2004:
Auf unserem heutigen Programm stehen Marugio (ein kleiner Ort ca. 14 km von Campo Marino entfernt) und Gallipolli, der Hafenstadt  im Süden.
Wie immer ist das Wetter großartig. Ich dusche wieder drausen mit Gratisblick in einen  strahlend blauen Himmel. Leider konnte ich S.  bis jetzt nicht dazu animieren, sich auch einmal dieses einmalige Erlebnis zu gönnen. Sie aber zieht es  hartnäckig vor, die Dusche in unserem Ministudio zu benützen.
In Marugio gibt  es weit und breit keinen Markt, obwohl er  laut Reiseführer für diesen Tag angekündigt ist. Offensichtlich ist aber auch die Saison für Märkte vorbei. So fahren wir gleich weiter, entlang der uns inzwischen bestens bekannten Küstenstraße über Porto Cesario in Richtung Gallipolli.

Südlich von Porto Cesario machen wir Halt. Die Gegend ist  bezaubernd schön. Grüne Korkeichen und Pinien stehen stolz gegen eine rote Erde, einen  blauen Himmel mit kleinen Wolken, die weiß und fest wie Schlagsahne an den tiefblauen Himmel geschäumt sind.

Durch diese landschaftliche Herrlichkeit laufen wir hinunter zum Meer, über ausgewaschene, schroffe Steine und Felsen. Vor sehr langer Zeit muss hier einmal das Meer gestanden haben. Ich fotografiere die überdimensional großen stacheligen Kakteen, die wie große Osterhasen am Wege stehen, das Meer und immer wieder die wunderbaren Wolken hoch oben am Himmel.
Auf dem Weg zurück zu unserem Wagen stellen wir fest, dass wir durch unser zielloses Wandern total die Richtung verloren haben. Unser Auto ist nirgendwo zu entdecken. Ein bisschen werden wir beiden von Panik erfasst, weil wir sofort an das Schlimmste denken – Diebstahl eines einsam an der Küste stehenden Autos - ! Doch nach einigem Suchen finden wir unseren silberfarbenen Nissan wieder, unversehrt und unberührt. Leichtsinnigerweise haben wir unsere Handtaschen mit Geld und Kreditkarten in dem Wagen gelassen (was man auf keinen Fall tun sollte, wie uns eine junge Deutsche später am Flughafen erzählte: sie war gerade beim Schwimmen weit weg vom Ufer, als ein Dieb mit all ihren Sachen inklusive ihrer Handtasche mit allen Papieren wegspazierte).

Auf unserer Weiterfahrt nach Gallipolli kommen wir durch eine sehr schöne Gegend und bewundern die großartigen Anwesen,  von denen ich einige fotografiere.  Wir fragen uns, wer wohl in diesen schönen Villen "residiert".
Nach einem kleinen Abstecher nach Nardo  (gegründet von den Römern 269 vor Chr., mit vielen imposanten Kirchen und barocken Gebäuden) und einem Spiesrutenlauf über die nur mit starrenden Männern angefüllte Piazza kommen wir dann gegen 1300 Uhr in Gallipolli an. Und wie immer sind  alle Geschäfte zu – Siesta!

„Zu Gallipolli: „Wie ein gestrandetes Schiff aus Stein liegt die zauberhafte kleine Altstadt von Gallipolli mit ihrer mächtigen Festung auf einer Insel. Umgeben von einem klaren Meer, das sich im Winter schnell zu einem brausenden Ungetüm entwickeln kann. Kein Wunder, dass die vielen Kirchen der Stadt mit ihren herrlichen Wandgemälden allesamt auf das Meer hinausblicken, sozusagen als Schutzpatrone. Die Griechen, die die Stadt erbaut haben, nannten sie die  „schöne Stadt“ – kale polis - . Die Bewohner Gallipollis indes interpretieren den Namen ihrer Stadt mit „fröhlichem Hahn“. Deshalb findet man an vielen Häusern auch das Bild eines farbenprächtigen krähenden Hahns“.

Wir besichtigen die Stadt und machen einen langen Spaziergang entlang der Meerespromenade. Das Wetter ist  perfekt. Auch Gallipolli hat eine imposante Burg, das Castello Aragonese, das sich im klaren Wasser des Hafenbeckens spiegelt. Wir laufen  oberhalb der Mauerkrone entlang und kommen auf der Strandpassage an vielen Kirchen vorbei, die mit ihrer Front ins Meer blicken.  Die meisten haben an ihrer Vorderseite schön gemalte Bilder, meist von der Madonna mit Kind  (Chiesa del Rosario, Chiesa del Angeli, Santa Maria del la Purità), um nur einige der Kirchen aufzuzählen.

In einer kleinen Trattoria mit Tischen und Stühlen auf einer Terrasse direkt über dem Meer machen wir Rast. Wir essen  frisch gegrillte Langusten und  trinken dazu einen herrlich süffigen weißen Wein.
Von unserem exponierten Platz haben  wir einen spektakulären Blick über das glitzernde Meer und Teile der Altstadt. Direkt unter uns zieht  ein einsamer Schwimmer  in glasklarem  Wasser seine Runden.
Auch für diese wunderschöne Stadt bräuchte man Tage, um alles genau zu besichtigen, Tage, die wir aber leider nicht haben.
Irgendwann ist  es für uns wieder Zeit, die Rückfahrt anzutreten. In den Dünen einige Kilometer nördlich von Gallipolli machen wir noch einmal Halt, um in dem tiefblauen Meer  zu schwimmen.

Donnerstag, 30.9.2004:
Wir stehen früh auf. Ich dusche wie in all den Tagen draußen unter einem veilchenblauen Himmel. Frühstück auf unserer „Terrasse“, dann Abfahrt nach Otranto. Um dahin zu kommen, müssen  wir quer durch das Land fahren, vom Ionischen Meer hinüber zum Adriatischen Meer.
Otranto ist  wie alle anderen Städte, die wir bisher gesehen haben, fast menschenleer. Hier wird uns wieder bewußt, dass die Saison hier beendet ist. Leider ist es auch fast schon wieder 13.00 Uhr, und die Siesta naht. Wir schlendern gemächlich durch das schöne "centro storico" und machen "window-shopping".

„Sehenswert: die Kathedrale (1080 bis Ende 12. Jahrhundert)  mit dem berühmten, sehr gut erhaltenen  Mosaikfußboden (datierend 1163-66),  geschaffen von dem griechischen Priester Pantaleone.
Nicht zu übersehen auch das wuchtige Castello Aragonese, das aber laut Reiseführer nur zu Festlichkeiten geöffnet ist.“
Unsere Fahrt geht weiter über Leuca, ganz unten am Cap, vorbei an Cesario Therme, einem Kurort direkt an der Steilküste des Meeres (und demzufolge auch mit sehr kleinen und wenigen Stränden). Auch dieser Ort ist, abgesehen von einer großen Gesellschaft im Kurhaus, wie ausgestorben. In einem Lokal am Meer  essen  wir sehr gute Nudeln und bekommen  mit, wie eine italienische Familie gerade ihre Koffer ins Auto lädt.  Ja, der Sommer ist  vorbei für sie, obwohl das Wetter noch immer herrlich ist.

Unsere Heimfahrt geht  dann entlang der Küste in Richtung Campo Marino. Wir kommen an vielen wie ausgestorben wirkenden Ferienorten vorbei und auch an einigen ziemlich desolat aussehenden Bauruinen (bei meinen Fahrten durch die Toscana und auch durch Liguhttp://picasaweb.google.de/GisBradshaw/ReiseNachApulienSeptember2004?feat=directlinkrien habe ich solche kaum gesehen).  Apulien ist eben doch ein sehr armes Land, was wir beim Durchfahren der verschiedenen Städte immer wieder gesehen haben. Selbst Lecce mit einem  solch prachtvollen historischen Zentrum  wirkt in den Außenbezirken sehr ärmlich.

Freitag, 1. 10.2004:
Heute ist Strandtag. Es ist unser letzte Tag in Apulien. Wir haben eine herrliche Ecke mit weißem, sauberen Sand in einer schönen Bucht  ganz für uns allein. Außer einem Schnorchler, der  vor Stunden schon im Meer verschwunden ist, und einem jungen Mann im Motorradhelm, der uns eine Weile anstarrt, bevor er  verschwindet,  sind wir allein. Zur Feier dieses schönen Tages machen wir um die Mittagszeit ein kleines Picknick mit Weißwein, Früchten und Käse.
Ich fotografiere eine Eidechse  (Lurchi habe ich sie getauft), ein wunderschönes, schwarzgrünesTierchen, das sich mir gegenüber erstaunlich zutraulich verhält.

Ich schaue auf das Meer hinaus, das silbrig glitzernd  im Sonnenschein vor mir liegt. Die Wellen schlagen unaufhörlich an den Strand und plätschern und rauschen im leise wehenden Sommerwind. Ich denke über den Begriff Zeit nach. Zeit, die vergeht, wie der Sand, der durch meine Finger rinnt. Zeit, die unaufhörlich fortschreitet und alles, Natur, Tier und den Menschen verändert, Stück für Stück, unmerklich, Minute um Minute Sekunde um  Sekunde.

Samstag, 2.10.2004:
Heute ist Abreise. Wieder fahren wir quer hinüber vom ionischen Meer zum adriatischen Meer  nach Brindisi. Wir verbringen noch ein paar Stunden in der Altstadt,  machen vom Hafen aus einen langen Spaziergang durch die  hübschen, aber leeren Gassen. Wir essen noch einmal eine pikante Pizza in einer sehr guten, um diese Zeit nicht sehr guten besuchten Trattoria. Der Kellner ist sehr freundlich und zeigt uns noch, wie wir aus dem Labyrinth der Gässchen am schnellsten herauskommen. Dann geht alles sehr schnell. Ehe wir uns versehen, sitzen wir im Flugzeug auf unserem Weg nach Hause.

Unser gemeinsamer Urlaub war vorbei und rundum ein Erfolg. Wir haben viele schöne Dinge gesehen, hatten ein riesengroßes Meer und einen großen Dünenstrand  für uns alleine. Was will man mehr?
Eine Reise nach Apulien ist empfehlenswert. Wenn man sich für den Süden Apuliens entscheidet,  sollte man  versuchen, in der Nähe von Gallipolli zu wohnen.  Es ist empfehlenswert, nicht zu spät im Jahr zu  fahren. Kurz nach den großen Ferien der Italiener wäre vielleicht der ideale Zeitraum zum Reisen.

Wenn der Regen jetzt an mein Fenster prasselt, schaue ich mir all die schönen Fotos an, Bilder von Apulien, einem  Landstrich, dem schon so lange meine Aufmerksamkeit gegolten hat. Im Vorfeld meiner Reise hatte ich noch einmal die Geschichte Friedrich des Zweiten, des deutschen Staufers in Italien gelesen. Sehr zu empfehlen für alle an Geschichte Interessierte sind in diesem Zusammenhang folgende Bücher:

„Der Mann aus Apulien“ von Horst Stern (Knaur), „Das Staunen der Welt – Friedrich II von Hohenstaufen“ von Georgina Masson (Deutsche Verlagsanstalt Stuttgart) und „Konradin von Hohenstaufen“ von Josef Mühlberger (Bechtle Verlag Esslingen).
 Selbstverständlich habe ich auf dieser Reise viele schöne und interessante Fotos gemacht, die ich aber leider mangels eines funktionierenden Tools nicht zeigen kann. Picasa gibt es ja leider nicht mehr.

                Copyright 2004/2008/2019Gisela Bradshaw
                Berlin, im Oktober 2004/
                Idar-Oberstein im März 2008