
Pablo Neruda
(12.7.1904 - 23.9.1973)
eigentlich Ricardo Eliécer Neftalí Reyes Basoalto
(* 12. Juli 1904 in Parral; † 23. September 1973 in Santiago de Chile),
war ein chilenischer Dichter und Schriftsteller,
der sich vor allem gegen den Faschismus in seinem Heimatland
und in Spanien einsetzte. 1971 erhielt er den Nobelpreis für Literatur.
Nachfolgend eine kleine Auswahl seiner Werke
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Die Dichtung
Und es war in diesem Alter
da nahte auf der Suche nach mir
die Poesie.
Ich weiß nicht,
woher
sie kam,
vom Winter oder vom Fluß.
Ich weiß nicht, wie noch wann,
nein, da waren keine Stimmen,
waren
nicht Wort noch Schweigen.
Doch von der Straße her rief es
mich,
aus dem Gezweig der Nacht,
plötzlich unter anderen,
zwischen heftigen Flammen
oder allein bei der Rückkehr,
dort war sie,
gesichtslos,
und sie rührte mich an.
Ich wußte nicht, was sagen,
mein Mund wußte nichts
zu benennen,
meine Aufgen waren blind,
und irgend etwas schlug heftig in
meiner Brust,
Fieber oder verirrte Schwingen,
und ich gewöhnte mich,
einsam zu
sein,
als ich jene Brandwunde entzifferte.
Und ich schrieb die erste
verschwommene Zeile nieder,
unklar, gestaltlos,
pure Nichtigkeit,
reine Weisheit,
eines, der nichts begreift,
und auf einmal sah ich
enthülst und offen
den Himmel,
Planeten, wogende Pflanzungen,
das Dunkel durchlöchert,
durchsiebt von Pfeilen,
Feuer und Blumen,
die überwältigende Nacht, das All.
Und ich, winziges Menschenwesen,
trunken von der großen gestirnten
Leere,
ihr ähnlich,
ein Ebenbild des Geheimnisses,
ich fühlte mich reiner Teil
des Abgrundes,
rollte dahin mit den Sternen,
los stürmte mein Herz
in den Wind.
Gallionsfigur
Das Mädchen aus Holz kam nicht
zu Fuß daher:
Dort auf den Ziegelsteinen
saß es plötzlich,
alte Blumen der See bedeckten sein
Haupt,
sein Blick hatte die Schwermut
der Wurzeln.
Dort blieb es,
unser freies
Leben betrachtend,
das Kommen und Sein und Gehen
und Wiederkehrn auf der Erde,
den seine geregelten Blütenblätter
entfärbenden Tag.
Es überwachte uns,
ohne uns zu
gewahren,
das Mädchen aus Holz.
Das von den uralten Wogen
gekrönte Mädchen,
dort blickte es mit seinen
vernichtenden Augen:
es wußte, wir lebten in einem
entfernten Netz
aus Zeit und Wasser und Wellen
und Klängen und Regen,
ohne zu wissen,
sind wir da
wirklich
oder sind wir sein Traum.
Das ist die Geschichte
von dem Mädchen aus Holz.
Liebessonett VIII
Wenn Deine Augen nicht des
Mondes Farbe hätten,
und die Tage mit Lehm,
mit Arbeit und Feuer,
und du gefangen nicht hättest der
Luft Behendigkeit,
wenn du nicht eine Woche
wärst aus Bernstein,
wenn du der gelbe Augenblick nicht
wärst,
in dem der Herbst durch
Ackerwinden aufwärts klimmt
und auch das Brot nicht,
das der funkelnde Mond
herstellt, sein Mehl
spazierenführend auf dem Himmel,
oh Heißgeliebte, ich würde dich
nicht lieben!
In deiner Umarmung umarme ich,
was
existiert,
den Sand,
die Zeit, des Regens
Baum,
und alles lebt, auf daß ich
lebe:
ohne in die Ferne fortzuziehen,
kann ich alles sehn:
in deinem Leben
gewahr ich alles Lebendige.
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Texte entnommen aus:
Pablo Neruda:
»Viele sind
wir»
Sammlung Luchterhand