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ärchenhafte Reise durch Madagaskar,

das Land der „Arbres des voyageurs"


Prolog:
 
Vor ihren Augen breiteten sich die terrassenförmigen Reisfelder aus, die sich wie ein grüner Teppich bis zum blauen Horizont erstreckten. Sie hatte ihre Sandalen abgelegt und lief barfuss durch den knöchelhohen Sumpf, der sich glatt und kühl um ihre Füße schmiegte. Die Sonne stand hoch und brannte wie Feuer herunter auf ihre Schultern und ihren unbedeckten Kopf. Der Hund lief von seiner Leine befreit schnell wie der Wind durch die Felder und verjagte mit seinem Gebell die weißen Fischreiher, die wie kleine Statuen unbeweglich im Sumpf gestanden hatten. Wie kleine weiße Segel schwebten sie durch die heiße Sommerluft und landeten elegant mit ihren Schwingen eine kleine Fontäne hinter sich lassend wieder im Wasser.
 
Dicht neben ihr setzte ein weißrosa Flamingo zur Landung an  und blieb majestätisch auf einem zarten schlanken Bein stehen.
 
"Komm mit, sagte er zu mir. Ich will dir die Schönheit dieses Landes zeigen, eine Schönheit, die alle Vorstellungskraft sprengt. Ich zeige dir Berge, zerklüftet und wild, die in allen Farben schillern, blaue Lagunen im hellen Sonnenlicht, ein  türkisblaues Meer, das sich weiß schäumend an steilen Küsten bricht.
 
Wir tauchen hinab hinunter bis zum Grund des Ozeans, schwimmen mit bunten Fischen durch eine Welt der Wunder, die weit weg vom menschlichen Auge  im Verborgenen blüht.
 
Komm mit mir, flieg mit mir bis zum Ende dieses Landes, damit du zuhause berichten kannst von all diesen Wundern und der Eigenart dieser Insel, die auf der Welt einmalig ist."
  Mit diesen Worten erhob er sich und schwebte wie ein weiß rosa Traum dem blauen Horizont entgegen.“

   



Mit diesen Zeilen beendete ich meinen Bericht über meine Madagaskarreise im Jahr 2009. In diesem Jahr, 2011, bin ich in dieses Land zurückgekommen. Im Reisfeld habe ich ihn wieder getroffen, den großen weißrosa Flamingo, der mir damals sagte, wie schön doch seine Heimat sei.
 
Voller Neugier bin ich deshalb mit ihm geflogen, weit hinunter in den Süden und auf eine verträumte Insel im Indischen Ozean.
 
Unsere über 3000 km lang werdende  Reise beginnt  an einem frühen, kühlen Morgen in Antananarivo. Kaum haben wir die schöne, aber schmutzige, von Lärm und Abgasen verpestete große Stadt hinter uns gelassen, wird  die Landschaft unter uns immer lieblicher und sauberer. Tiefgrüne, terrassenförmig angelegte Reisfelder erstrecken sich soweit das Auge reicht und bilden einen wunderschönen Kontrast zu der allgegenwärtigen tiefroten Erde. Grüne, wellige Hügellandschaft dehnt sich bis zum fernen Horizont. Ein großer Fluss mit schlamm- braunem Wasser wälzt sich träge dahin. Archaisch anmutende, schwer beladene Zebugespanne (Charettes) rumpeln gemächlich unter uns dahin, gelenkt von jungen, tiefbraunen Männern.
 
Auf den Straßen herrscht reger Fußgängerverkehr in beiden Richtungen: Junge, in bunte Tücher gehüllte Frauen balancieren graziös schwere Lasten auf ihren Köpfen. Jede zweite Frau hat zusätzlich ein Baby auf ihrem Rücken und wird von einer Schar kleiner Kinder begleitet. Männer, meist mit einer Art Lanze oder einem Stock auf ihren Schultern, treiben Zebuherden vor sich her.  Andere schleppen sich mit  riesigen, blutigen von Fliegen umwimmelten Fleischstücken ab. Ab und zu taucht eine pousse-pousse (Rikscha) auf, in dem sich Personen lässig räkeln und ganz offensichtlich den Luxus dieses Transports genießen. Obststände am Wegesrand bieten Trauben, Ananas, Melonen an, viele Stände sind mit ihrem Angebot von nur ein paar Früchten mehr als ärmlich. Vor den bescheidenen, aber hübschen, aus rotem Lehm gebauten Hütten mit hellem Binsendach (hergestellt aus dem Arbre des Voyageur)  sitzen Frauen, Männer auf dem Boden, spielen kleine schmutzige Kinder mit Steinchen, fast alle sind nackt und barfüssig.
 
Ab und zu brummen Buschtaxis vorbei, so genannte  Taxi Brousse, alle mit Menschen und Material schwer beladen, eine schwarze Dieselauspuffwolke hinter sich lassend.
 
Tonga Soa: Bienvenu! Herzlich willkommen! Das Schild von  Antsirabe, „der Stadt, in der es viel Salz gibt“) taucht auf. Sie liegt in einer bezaubernd schönen, von hohen Bergen umgebenen Landschaft. Auch hier herrscht reges Getriebe. Antsirabe ist auch die Stadt der tausend Rikschas. Alle Gefährte sind bunt verziert und tragen phantasievolle Namen. Gezogen werden sie von teilweise abenteuerlich aussehenden, meist alten, zahnlosen, aber sehnigen Männern. Unter den Rikschafahrern herrscht ein gnadenloser Konkurrenzkampf, der in Anbetracht fehlender Touristen oft fast mit dem Messer ausgetragen wird.
 
Wir gleiten gemächlich über die Stadt, die Ende des 19 Jahrhunderts von einem norwegischen Missionar gegründet wurde und mit ihrer Höhenlage von 1500 m in der französischen Kolonialzeit ein begehrter und oft frequentierter Erholungsort für Plantagenbesitzer der Ostküste war, die genug hatten von dem ungesunden, feuchtheißen Klima ihrer Wohnorte. Das von den Norwegern erbaute Thermalbad -  leider zwischenzeitlich recht heruntergekommen und deshalb nicht mehr genützt -  ist  stummes Zeugnis dieser Zeit. 
 
Unweit von hier entdecke ich eine Ansammlung kleiner, sauber nebeneinander aufgestellten Verkaufsstände,  einen recht gut sortierten Mineralienmarkt, auf dem man im Glücksfall recht interessante madagassische Steine finden kann.
 
Viele Kilometer bis zu unserem Ziel im Süden, dem Isalo-Nationalpark, liegen noch vor uns.
 
Nach einer ausgiebigen Rast fliegen wir weiter in Richtung Ambositra (gesprochen Ambuscht) „Stadt, in der es viele Rinder gibt“, vorbei an von den Betsileo (einem Volksstamm) meisterlich angelegten „rizières“. Jeder Winkel der herrlich grünen Berglandschaft (Ausläufer des Massif de l’Itremo) wird genutzt, so dass sich Reisfelder und Gemüsegärten in bunter Folge aneinanderreihen. So stelle ich mir den Garten Eden vor! Malerisch eingefügt in dieses bezaubernde Szenario liegen wie braunrote kleine Tupfer saubere, madagassische Häuschen.
 
Ein schwer beladenes  uraltes Lastauto tuckert langsam, schwarze Abgase ausstoßend, vorbei. Auf seinem Dach transportiert er mehrere geflochtene Körbe, in denen jeweils  mindestens 100 zerrupfte, teilweise bereits kahle  Hühner hereingepfercht sind. Tierliebe oder Respekt vor anderen Lebewesen ist  in solch armen Ländern wie Madagaskar nicht zu finden. Das Land ist voll von herrenlosen Hunden, die, total abgemagert und mit Geschwüren übersät, Tag und Nacht auf der Suche nach Futter durch die Strassen irren.  Hunde sind für die meisten Madagassen fady, dies bedeutet tabu. So kommt es vor, dass von Ausländern gehaltene Hunde, Giftanschlägen fanatischer Hundehasser zum Opfer fallen.
 
In vielen Läden  der Stadt werden kunstvoll geschnitzte Gegenstände, auch große Möbel, sehr of aus edlem Palisander, angeboten. Offensichtlich hat man hier noch nicht davon gehört, dass das Palisanderholz auf der Liste geschützter Arten steht.
 
Heute haben wir genug von dem hektischen Getriebe der Stadt und machen Rast an einem herrlichen, wilden Wasserfall (Chute Andriamamovoka), der weiß schäumend und kraftvoll über eine glatte, dunkle Felsen tief zu Tale stürzt. Hier strecken und recken wir uns und genießen den kühlen, klaren Wasserfilm auf unserer Haut.
 
Plötzlich haben wir beide Sehnsucht nach dem Meer und beschließen, einfach unsere Route zu ändern. Der Indische Ozean ist jetzt unser Ziel, die Stadt Manakara.
 
Auf unserem Flug dorthin sehen wir einsames, grünes Buschland, dessen grün bewachsenen kegelförmigen Hügeln in weiter Ferne von einem großen Bergmassiv gesäumt werden. Der Boden ist sandig, teilweise dünig und bestanden von üppig-grünen Bäumen, in denen bunte Vögel singen.
 
An dem langen weißen Strand von Manakara atmen wir in tiefen Zügen frische klare Seeluft und schauen fasziniert dem Spiel der Wellen zu, die sich weiß schäumend am Ufer brechen. Im Aufwind des Canal des Pangalanes schweben wir in Richtung Norden, Mananjary entgegen, einer Stadt, die umgeben ist von Kaffee-, Vanille- und Pfefferplantagen.
 
Als Zwilling sollte man hier nicht geboren werden. In den Augen der Bevölkerung bringen diese Unglück. Der Aberglaube ging in früheren Zeiten soweit, dass eines der Neugeborenen getötet oder in einer Schlangen- oder Krokodilgrube ausgesetzt wurde. Überlebten sie dieses irrsinnige und unmenschliche Ritual, durften sie weiterleben, aber nicht in der eigenen Familie sondern bei fremden Leuten.
 
Im Jahr 1987 wurde deshalb  ein Auffanglager für verlassene Zwillinge gegründet, so dass die Zahl der Todesfälle drastisch zurückging. Seit Gründung dieser Institution wurden 440 Zwillinge aufgenommen und teilweise von ausländischen Eltern adoptiert.
 
Dieser Ort jagt mir Schrecken ein, und so bin ich froh, dass unser nächstes Ziel ein friedlicherer Platz ist, der Ort „des warmen Wassers“, wie Ranomafana übersetzt heißt. Hier sehen wir Lemuren in den Ästen turnen und neugierig auf unser runterschauen. Auch zwei klitzekleine, süße  Chamäleons, das Weibchen in schlichtem beige, das Männchen bunt, bewundern wir. Wir hören das  Rauschen  des Flusses Namorana, dessen wilde Wasser für unsere Augen nicht sichtbar durch die tiefen, zugewachsenen Schluchten des tropischen Regenwaldes dem Indischen Ozean (Canal des Pangalanes) entgegen jagen.  Eine Attraktion ist auch der durch Stauung des Flusses entstandene imposante Wasserfall, der Strom für die umliegenden Dörfer liefert.
 
Ranomafana hat wie Antsirabe auch ein Thermalbad, das in der Kolonialzeit Arthritis geplagte Damen und Herren magisch anzog.
 
Unsere nächste Station ist Fianarantsoa, „die Stadt, wo man Gutes lernt““, die  erst bei näheren Hinsehen interessant ist. Sie wird auch „Stadt der 1001 Kirchen“ genannt. Mit 150 000 Einwohnern ist dieser ähnlich wie Antananarivo zwischen Hügeln gelegene  Ort die Hauptstadt des Stammes der Betsileo. Eine von einer Amerikanerin gegründete Stiftung kümmert sich um den Erhalt der hübschen, alten für diesen Landstrich typischen Häuser, so dass nach und nach neben vielen privaten Häusern sehr attraktive, liebevolle gestalte und gut geführte kleine Hotels entstanden sind (Tsara Guesthouse – sehr attraktives, von freundlichem Personal geführtes Hotel).

 
Ambavalao,  „Neues Tal“, die Stadt der Zebus, ist eine der schönsten Orte in der Hochebene. Hier findet jeweils dienstags und mittwochs der größte Zebumarkt des Landes statt, zu dem Zebuhalter aus allen Teilen des Landes kommen, um Rinder zu kaufen oder zu verkaufen. Für die Betsileos bedeuten diese Tiere alles: Leben, Geld, Glück. Nur nach der Zahl der Tiere wird der Reichtum der Menschen hier bemessen. Es  gibt sogar eine „Zebubank“, wahrscheinlich die einzige weltweit.
 
Die ganze Stadt ist also geprägt von riesigen Zebuherden, die von wettergegerbten Männern vor sich her getrieben werden. Ganze Familien sind auf den Beinen, fast jede Frau hat ein Baby huckepack. Ein großer Holzkarren prall gefüllt mit Menschen rollt vorbei. Ein Zebukarren-Gespann rumpelt schwer beladen über die Straße.  Auffällig sind vorwiegend ältere Männer  mit dekorativ über ihre Schultern geworfenen bunten Decken und so-genannten coupe-coupes  in der Hand. Coupe-coupes sind lange Stangen mit metallener Spitze, mit denen die Leute auf ihren Feldern arbeiten. Für schwere Umpflügarbeiten werden Zebus eingesetzt.  Die bunten Decken der Männer haben vielfältige Aufgaben: sie sind Wind- und Regenschutz , nachts dienen sie als Zudecke. Männer mit Lanzen, die es hier geben soll, haben wir nicht gesehen.
 
Auf einem großen Markt machen wir kurz Halt und suchen vergeblich junge Frauen und Männer mit dem roten Zeichen auf dem Kopf, das  signalisiert, dass „man“ auf Brautschau ist. Die typische Frisur der hiesigen jungen Mädchen haben wir hingegen oft getroffen: das Mädchen trägt ihr Haar in viele Zöpfchen geflochten mit einer Haarschaukel links und rechts von den Ohren. Der Sage nach bedeutet diese Haartracht, dass sich das Mädchen damit, wenn sie mit ihrem Mann zur Jagd geht, vor dem Knall der Büchse schützt.
 
Der Volksstamm der Betsileo kommt wahrscheinlich aus Südostasien, was auch ihr Geschick im Anlegen von terrassierten Reisfeldern erklärt. Ihnen ist es verboten, Angehörige anderer Stämme zu heiraten. Schon vor der Hochzeit leben Paare zusammen, um dann später nach Gabe eines Zebuochsens an den Brautvater endgültig zu heiraten.
 
Über endlos erscheinende sattgrüne Savanne des Hochlandes von Horombe fliegen wir weiter und sehen am fernen Horizont schon die lang gestreckten Isalo-Gebirgszüge.  
 
Die zerklüfte Sandsteinlandschaft des  Parc National de l’Isalo umfasst 81540 ha und liegt auf einer Höhe von 800 – 1082 m. Hier findet man tiefe Canyons, bizarre Felsformationen, ausgewaschene Höhlen und viele, hoch in den Bergen angelegte Felsgräber, in denen hochrangige Bara-Angehörige zur letzten Ruhe gebettet sind.
 
Die Bara sind ein wilder Volksstamm mit mittelalterlichen Traditionen.  So gibt es hier den hoch angesehenen Beruf des Viehdiebs!!
 Erst wenn ein junger Bara-Mann sich mit Recht als Meister im Diebstahl von Zebus bezeichnen kann oder eine  Gefängnisstrafe wegen desselben Deliktes abgesessen hat, hat er Aussicht auf eine Frau. Die Bara sind polygam und dürfen bis zu sieben Frauen haben. Dieses Volk ist schwer zugänglich und äußerst misstrauisch, nicht nur allen Fremden, sondern auch anderen Stämmen der Insel  gegenüber. Wie man uns sagte, sei es auch nicht ungefährlich für Touristen, sich in ihrem Gebiet aufzuhalten.

 
An all diese eher befremdlichen Eigenschaften dieser Menschen denken wir nicht, als wir genussvoll über die fast unwirklich erscheinende in allen Farben glühende Landschaft gleiten, im Becken des „Piscine Naturel“, einem natürlichen Schwimmbecken unter Palmen, eintauchen und uns unter dem kühlen Strahl eines kleinen Wasserfalls erfrischen. Ein wunderschönes grau-schwarz geschecktes Chamäleon, das wir in einem Baum entdecken,  erzählt uns seine Geschichte.
 
In einem paradiesisch blühenden Gartens innerhalb der Savanne mit Blick direkt auf die bizarren Berge des Isalo ( Chez Alice) bestaunen wir den nächtlichen Himmel mit abertausend blitzenden Sternen. Hier nächtigen wir und sammeln frische Kräfte für unser letztes Abenteuer.
 
Dieses heißt „Iles aux nattes“ (Schlangeninsel) auf der Ile de St. Marie und liegt ca. 150 km Luftlinie entfernt von Tamatave im Osten der Insel. Kilometerlange, schneeweiße Strände, Palmen, rauschendes türkisblaues Meer geben uns das Gefühl von Südsee. Von fern ertönt das dumpfe Dröhnen des Indischen Ozeans, der sich mit haushohen Wellen über  das vorgelagerte Korallenriff ergießt. Es ist heiß, und so werfen wir uns kopfüber in das schnell vorüber gleitende Wasser und lassen uns von der starken Strömung einfach weiter treiben. Ich tauche nach Muscheln und sehe bunte Fische unter mir vorüber gleiten.
 
An diesem paradiesischen Ort heißt es, von meinem Gefährten, dem weißrosa Vogel,  Abschied zu nehmen. Er hat seinesgleichen getroffen und will mit ihnen auf dem Rücken des vorbeirauschenden Zyklons weiterziehen.
 
Ich sehe ihn wegfliegen, und mein Herz ist traurig und glücklich zugleich. Er hat alles getan, um mir so viel
wie möglich von seinem archaisch- schönen Land zu zeigen.

 
Soave Dia! Gute Reise, du großer schöner Vogel! Lebe wohl!
  
Mein Bericht ohne rosarote Brille:
 
Ich habe diese 8-tägige Reise Ende Januar/Anfang Februar 2011, also inmitten in der Regenzeit,  zusammen mit zwei Madagassen, einem Chauffeur und einer weiblichen Begleitung unternommen.
 
Unsere Route war: Antananarivo -  Antsirabe -  Ambositra - Ranomafana, Manakara -  Mananjary -  Ranomafana  - Fianarantsoa - Ambavalao, Ihosy - Ranohira(am Isalomassiv)  und wieder zurück.
 
Insgesamt haben wir insgesamt ca. 3000 Kilometer in einem geländegängigen Nissan zurückgelegt. Wir haben in kleinen madagassischen  „Hotelys“ primitiven Bretterbuden, wunderbar zu Mittag gegessen, sind im Regenwald von Ranomafana mit zwei Führern  bei heißschwülen Temperaturen auf der Suche nach Lemuren schweißtreibend bergauf-bergab  geastet. „Ausbeute des Tages“ war eine Lemurenfamilie, die hoch in den Ästen herumturnte sowie  zwei Mini-Chamäleons und ein großer, bunter Schmetterling. Immer wieder begeisterte ich mich für die  golden in der Sonne leuchtenden  „arbres du voyageur“, hohe fächerartige, stolze Bäume, wahre Wunder, deren Holz und Äste auf vielfältige Weise von den Menschen genutzt werden (zum Decken von Dächern, Flechten von Matten, Körben u.v.a.m.). Dieser schöne Baum (Ravenala madagascairensis)  ist auch das Wahrzeichen für die Insel Madagaskar.
 
Auf unserer Fahrt durch die aufregend schönen Landschaften des Südens  passierten wir Strassen, die mehr Löcher hatten als Belag. Erdrutsche und tiefe Wassertümpel  versperrten manchmal  unseren Weg und konnten nur dank der Geschicklichkeit unseres Fahrers mühelos passiert werden. 
 
In dem schattenlosen Isalogebirge erlitt ich fast einen Hitzschlag unter der erbarmungslos herunter scheinenden Sonne.
 
In Ilakaka, der Stadt der Saphire, erlebten wir Goldgräberstimmung. Internationales Publikum geht hier Seite an Seite mit zerlumpten Einheimischen. Arme, abgerissene  Gestalten boten uns ungeschliffene Saphire an. Kleine, verrotzte Buben streckten uns bettelnd ihre Hände entgegen:  „Donnez argent, Madame!“ Sie bekamen ein paar Bananen und zogen glücklich von dannen.  Inmitten des Ortes, neben einem millionenschweren Edelsteinladen, lagerte,  friedlich vor sich hinkauend, eine Herde  zotteliger Schafe.
 
Auf der Ile-aux-Nattes bei St. Marie (oder Nosy Boraha)  übernachteten wir in einer sehr einfachen Hütte ein paar Schritte vom Meer entfernt. Elektrisches Licht über einen Generator gab es morgens von 6-8 und abends von 6-10.
 
Bei strömenden Regen besuchten wir den kleinen Ort St. Marie und den dortigen Piratenfriedhof, der nur mit einer Piroge zu erreichen war. Für ein paar Minuten im Regenwald alleine gelassen, erschraken wir fast zu Tode, als sich uns zwei Männer mit Messer und Machete näherten. Kurz vor uns bogen sie pfeiffend zu einer kleinen Ansiedlung ab.
 
Heftiger Regen und starke Winde überraschten uns auf der ca. zehnminütigen Rückfahrt in der walnussgroßen Piroge. Unser zahnloser, sehr freundlicher Führer fand jedoch beruhigende Worte und brachte uns sicher ans Ufer.
 
Einen  Tag und eine Nacht  harrten wir in den orkanartigen Vor- und Ausläufern des Zyklons Bingazi aus, der dauernd kapriziös seine Richtung änderte und alle Verkehrswege lahm legte.  Wir lagen in unserer primitiven Hütte direkt am Meer und hatten Angst um unser Leben.
 
Unsere Abreise von der Insel  fiel in die frühe Morgenstunde, so dass unser von Myriaden von Moskitos begleiteter Aufbruch im Stockdunklen stattfand.
 

Und zu guter Letzt: Bizarres gesehen am Wegesrand:

Viele Stadtteile Antananarivos haben noch keine Elektrizität. Gekocht wird auf Kohlefeuer. Wasser zum Waschen wird am Brunnen geholt, Trinkwasser für teures Geld in Flaschen.

Schwer bewaffnete Soldaten bewachen große Supermärkte.

Neben kilometerlangen Slums werden hochmoderne, spiegelverglaste Luxusgeschäftshäuser hochgezogen.

Bettelnde Menschen wohin man geht.

Übergewichtige, Armani-gekleidete madagassische Geschäftsleute in Jaguars.

Trotz glühender Hitze wird in Bretterbuden frisch geschlachtetes Fleisch verkauft, das von Fliegen nur so wimmelt.

Am Straßenrand aufgestellte dampfende Kessel, in dem Mais gekocht und Vorbeifahrenden angeboten wird.

Grausiger Anblick: Kopf eines getöteten Hundes auf der Route Nationale.

Zappelnde an den Ohren gepackte Hasen werden am Straßenrand zum Verkauf angeboten.

In einem kleinen Käfig am Straßenrand sitzen dicht gedrängt mindestens 30 oder mehr kleine ritzerote Vögel (Fody) und warten auf Käufer.

Die Mehrzahl aller Taxen ist schrottreif und verpestet mit falsch eingestellten Vergasern die Luft

Blutjunge, aufgetakelte Madagassinnen Seite an Seite mit alterwürdig ergrauten europäischen Männern

Winterdick angezogene Menschen bei Guthitze.

Bei Regen tragen  Frauen in der Stadt  Bade- bzw. Duschhauben  – très chic!

Eine junge adrett angezogene Frau  hockt sich bei fließendem städtischem Autoverkehr neben den Gehweg, zieht ihre Hosen runter und uriniert.


  Idar-Oberstein, im Februar 2011
Autorin: Gisela Bradshaw


Anmerkung: Leider kann ich kein Fotoalbum in diese Seite einstellen, weil  das gut funktionierende  Picasa von Google aus dem Programm genommen wurde. Bis heute habe ich kein entsprechendes Ersatztool gefunden.