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Kanadische Impressionen 15. September – 6. Oktober 2011


Prologue


Whispering Pines am Sky River

Das Lied
flüsternder Kiefern erklingt
in Wäldern
unfassbar groß
in ihrer Unendlichkeit
mit glitzernden Seen,
die trunken vom Blau des Himmels
sich kräuseln
im warmen Wind
des verblühenden Sommers.
Ich werde eins
mit der atemlosen Stille,
die jäh unterbrochen wird
vom Schrei auffliegender Möwen
nur für einen Herzschlag lang
angesichts der
zeitlosen
immerwährenden
Einsamkeit
der kanadischen Wildnis.

© Gisela Bradshaw


Kanada: Provinzen Ontario und Quebec


Kanada (aus dem Indianischen kanata = sauberes Land) stand eigentlich nur deshalb auf meinem Programm, weil mich familiäre Bande in dieses Land zogen. Mein Sohn, studierter Fachmann für Wasser, lebt und arbeitet in Ontario seit über einem Jahr. Ich kenne Nordamerika nur von einem einzigen Besuch Ende der 80er Jahre, als meine Familie für kurze Zeit in Madison, Wisconsin lebte. Trotzdem erinnere ich mich gut an damals und auch an das Fazit, das ich nach Beendigung des Aufenthaltes von Amerika zog. Die gleiche Meinung vertrete ich auch gegenüber Kanada:
Kanada ist wie Amerika ein großes schönes Land mit einer überwältigend großartigen Natur, vielen schönen Nationalparks und vielen Städten, die ihr eigentliches Konzept als Stadt aufgegeben haben und ihre geschäftlichen Aktivitäten in große, eintönige Malls außerhalb des Stadtkerns verlegt haben. Solch ein Modell funktioniert eventuell bei Großstädten, wo sich neben den Malls noch schöne Zentren mit attraktiven Läden halten können, z.B. Montreal, Quebec, Vancouver. Ich glaube, dass Städte sterben, wenn sie innerhalb ihrer Mauern den Menschen keine Gelegenheit geben, schön einzukaufen.
Wie immer bestätigen auch hier Ausnahmen die Regel: auf unserer Fahrt durchs Land haben wir einige intakte, schöne kleine Städte gesehen, auf die ich noch zurückkomme.

Zunächst einmal noch ein paar Fakten zu  der Provinz Ontario (aus Wikipedia):
Ontario ist eine Provinz im südlichen Zentrum Kanadas. Sie ist die bevölkerungsreichste und nach Québec die flächenmäßig zweitgrößte Provinz (Nunavut und die Nordwest-Territorien sind zwar größer, aber keine Provinzen). Ontario grenzt an die Provinzen Manitoba im Westen und Québec im Osten sowie an fünf US-Bundesstaaten im Süden.
Hauptstadt Ontarios ist Toronto, die gleichzeitig größte Stadt des Landes ist.
Ottawa, die Hauptstadt Kanadas, befindet sich im Osten an der Grenze zu Québec; im Gegensatz zu vielen anderen Flächenstaaten existiert kein gesonderter Hauptstadtdistrikt. Bei der Volkszählung 2006 wurden 12.160.282 Einwohner gezählt, was 38,5 % der Bevölkerung Kanadas entspricht.

Zu dem Niagara-Escarpement :

Wenn man nach Ontario kommt, hört man immer wieder den Begriff „Niagara Escarpement“. Nachfolgend will ich ein wenig auf diesen Begriff eingehen. Dazu habe ich vorliegende englische Broschüren und Wikipedia in Anspruch genommen:
Die Formation der Bruce Halbinsel begann vor über 400 Millionen Jahren, als noch der gesamte Erdball mit Ozeanen bedeckt war. Abermillionen von Weichtieren (Mollusken), Korallen und andere Tiere des Ozeans mit Kalkschalen starben und fielen auf den Grund des Meeres. Diese in über Millionen von Jahren zusammengepressten Kalksedimente der Knochen bildeten den Dolomitkalkstein, der über der granitenen Felssohle und unter der südlich des *kanadischen Schildes (Erklärung siehe unten *) befindlichen Erde von Ontario liegt. Irgendwann während der zahlreichen Eiszeiten entstand durch tektonische Verschiebungen eine lange Bruchkante in der Kalksteinkruste. Dann wurde diese durch ungeheure Verwerfungen hochgehoben bzw. niedergedrückt, was zur Bildung des so genannten Niagara-Escarpement (Niagara-Schichtstufe) führte.

Luftaufnahme der Schichtstufe bei Grimsby in Ontario
Die Niagara-Schichtstufe (engl. Niagara Escarpment) ist eine lang gestreckte Schichtstufe in den USA und in Kanada. Sie verläuft vom Bundesstaat New York über Ontario, Michigan und Wisconsin nach Illinois. Der Hügelzug besteht aus hartem Dolomitgestein an der Oberfläche, darunter liegt eine Schicht mit weichem Schiefergestein. Die Schichtstufe ist nach den Niagarafällen benannt. Im Februar 1990 wurde sie von der UNESCO zum Biosphärenreservat erklärt. Die Niagara-Schichtstufe ist die markanteste mehrerer Schichtstufen, die sich während der Silurzeit im Grundgebirge im Bereich der Großen Seen gebildet haben. Sie beginnt östlich des Tals des Genesee River bei Rochester und verläuft weiter zum Niagara River, wo sie nördlich der Niagarafälle eine tiefe Schlucht bildet. In Südontario verläuft sie nahe dem Ontariosee über die Niagara-Halbinsel, danach mitten durch die Stadt Hamilton und wendet sich anschließend nach Norden zur Georgsbucht. Sie folgt in Richtung Nordwesten dem Ufer des Huronsees und bildet dabei den Rücken der Bruce-Halbinsel, der Insel Manitoulin und weiterer Inseln. Anschließend setzt sich die Schichtstufe westwärts auf der Oberen Halbinsel von Nordmichigan fort, wendet sich in Richtung Südwesten, folgt der Door-Halbinsel und dem Westufer des Michigansees und endet schließlich nördlich von Chicago

Kanadisches Schild (lt. Wikipedia):

Der nördliche Teil der Provinzen Saskatchewan, Manitoba, Ontario und Québec sowie fast ganz Labrador befinden sich auf einem ausgedehnten Felssockel, der als Kanadischer Schild bezeichnet wird und fast die Hälfte der Fläche des Landes einnimmt. Der Schild besteht aus erodiertem hügeligem Terrain und weist ein dichtes Gewässernetz auf. Die Entwässerung der Region erfolgt über eine Vielzahl von Flüssen, deren Wasserkraft für die Elektrizitätsgewinnung genutzt wird. Der Schild umgibt ein ausgedehntes Feuchtgebiet, das Tiefland rund um die Hudson Bay. Durchzogen wird er von einzelnen Bergketten wie dem Torngat und den Laurentinischen Bergen. Auf dem Schild kann keine intensive Landwirtschaft betrieben werden. Weite Gebiete sind von borealem Nadelwald bedeckt, der von der Holz verarbeitenden Industrie genutzt wird. Ebenso werden die zahlreich vorhandenen mineralischen Bodenschätze ausgebeutet. Jenseits der arktischen Baumgrenze ist die Region mit Felsen, Eis und Tundrenvegetation bedeckt.

Weiterhin verweise ich auf einen sehr informativen englischen link bezüglich des Niagara Escarpements und den vielen damit verbundenen Wasserfällen.
Unbedingt lesen, weil sehr informativ und schön bebildert:  http://gowaterfalling.com 
 

On the road


Wir hatten uns einen Wagen ausgeliehen. Man hatte uns einen nagelneuen Malibu von Chevrolet mit Navigation und Automatikgetriebe gegeben, der sich wie Butter fuhr. Dank des GPS gingen wir in den Weiten und teilweise Einöden der kanadischen Landschaft nie verloren. Die Gegend in Richtung Bruce Peninsula war flach und eintönig. Ab und zu tauchte ein Farmhaus aus, dann war wieder kilometerweit nichts als leeres Land. Wir fragten uns, wie die Leute in dieser Einsamkeit klar kommen? Wo kaufen sie ein, was machen sie, wenn mal einer krank wird?
Ein wunderhübscher Ort, den wir auf unserem Weg zur Georgian Bay gesehen haben, war Stratford-on-Avon (Einwohnerzahl 30 000). Die Geschichte dieser Stadt ist typisch für das multikulturelle Kanada, dessen Kultur von den Menschen anderer Länder geprägt wurde.

So baute im Jahr 18832 ein glühender Shakespeare-Fan (natürlich aus good-old England) an einem kleinen, hübsch gelegenen Fluss ein Hotel und nannte es „Shakespeare-Inn“. Der Ort wurde folgerichtig Stratford-on-Avon genannt. 1953 wurden dann, initiiert von Kaufleuten und Journalisten, mit dem Shakespeare-Drama „Richard III, gespielt sogar von Sir Alec Guiness die inzwischen in Nordamerika berühmt gewordenen Shakespeare-Festivals aus der Taufe gehoben. Das ursprünglich einfache Zelt ist inzwischen vier Bühnen gewichen, auf denen gespielt wird. Über eine Million Besucher werden jedesJahr erwartet.
Die Stadt liegt an dem romantischen Flüsschen Avon, auf dem sich Enten, Schwäne und andere Wasservögel ein friedliches Stelldichein geben. Uralte Trauerweiden tauchen ihre Äste tief in das still vorbei fließende Wasser, und zusammen mit den elegant geschwungenen kleinen Brücken (nur für Fußgänger) bildet das Ganze ein höchst dekoratives Bild. Wir machten einen langen beschaulichen Spaziergang am Fluss entlang und versuchten, den Zauber dieser Idylle mit unserem Fotoapparat einzufangen.

Andere freundliche und lebendige Orte trafen wir an der Georgian Bay, an deren Ostküste wir von Tabermory (nördlichster Teil der Bruce Peninsula Island) aus in südlicher Richtung über Owen Sound mit Ziel Honey Harbour herunter gefahren sind.

Einer davon war Meaford an der wunderschönen Bay, der uns bei der Durchfahrt durch eine ganz besonders auffällige Dekoration auffiel. An allen Ecken der kleinen Stadt waren bunte Strohpuppen angebracht, selbst an offiziellen Gebäuden hingen sie, teilweise kopfüber herab. Ein Mann, den wir nach dem Grund dieser lustigen Dekoration fragten, teilte uns mit, dass am Wochenende eine festliche Parade stattfinden würde, der „crow scare parade“. Die bunten Puppen waren Crow scares, also Vogelscheuchen. Man feierte also ein „Vogelscheuchenfest“, eigentlich passend für das ländliche Kanada.
Überall auf unserer Fahrt sahen wir Häuser, meist aus Holz erbaut, dicht an dicht stehen und eins sah aus wie das andere. Lange Reihen von diesen eintönigen Gebäuden standen oft auch an den Bahngleisen, und ich wage nicht, mir vorzustellen, wie man in solchen einfallslosen Häusern aus der Retorte wohnt. Ich hätte wahrscheinlich schon Probleme, das richtige Haus zu finden.

Die große Ausnahme sind die Luxusvillen der reichen Leute, die meist auf riesengroßen, herrlich gelegenen Grundstücken erbaut sind und alles Exklusive in den Schatten stellen, was ich jemals sah. Und wir haben viele davon gesehen.
In einem kleinen Ort, Blue Mountain, an der Georgian Bay verbrachten wir zwei schöne Tage. Wir hatten Glück mit unserem Motel, das entfernt von dem Highway direkt am Waldesrand lag. Unsere Unterkunft bestand eigentlich nur aus einem großen schönen Raum, der mit einer Trennwand aus edlem, braun glänzenden Holz, in die eine Durchgangstür und zwei Schränke (einer nach vorne, einer nach hinten) eingebaut waren und den Raum auf diese raffinierte Weise in Schlaf- Wohn- und Küchenbereich aufteilte.

Auf unseren kleinen Ausflügen am Wasser der Bay entlang machten wir einige Entdeckungen: auf einem verwahrlosten, nicht bebauten, aber sehr schön direkt am See gelegenen Grundstück, mussten einmal einige Gebäude gestanden haben: überall sahen wir noch die Fundamente und Überreste von Mauern. Ein altes, nicht mehr funktionsfähiges Schwimmbad lag vor uns im hellen Sonnenschein, und in unserer Phantasie sahen wir Kinder und Erwachsene fröhlich im Wasser plantschen. Aber wie lange mag das schon her gewesen sein?

Auf dem Gelände fanden wir eine rätselhafte große Holzstähle mit eingeschnitzten, fremdartigen Figuren, wahrscheinlich einen indianischen Totempfahl.
(Zu der Bedeutung eines Totempfahls - aus dem Internet „Was ist was? -

"Vor den Häusern der Indianer standen Totempfähle, die eigentlich Wappenpfähle heißen. Welche Bedeutung haben die Wappenpfähle?
Das Totem ist für viele Indianer die Darstellung eines bestimmten Tieres oder einer Pflanze, zu der sich der Indianer oder ein Stamm zugehörig oder verbunden fühlt. Ein Totem ist wie ein Beschützer oder Helfer.
  Die Indianer, die am Meer und an den Flüssen lebten, hatten feste Wohnstätten. Sie hatten immer genug Fisch zu essen und mussten nicht mit Herden weiterziehen. So bauten sich die Kwakiutl, Tlingit oder Haida Häuser aus Zedernholz.
 
Diese Indianer waren handwerklich sehr geschickt und schnitzten kunstvolle Masken, aber auch reich verzierte Totempfähle. Eigentlich müsste man diese Totempfähle als Wappenpfähle bezeichnen. Diese Gedenkpfosten erinnerten an wichtige Ereignisse in der Geschichte eines Clans, also einer Familie. Sie stellten auch die Tiere dar zu der sich diese Familie zugehörig fühlten oder die sie beschützen sollten. So zum Beispiel Dachse, Wale oder Biber oder die doppelköpfige Schlange Sisitul. Diese Tiere galten als Urahnen der Menschen."
 
So wie auch in Europa alte, eingesessene Familien Wappen als Familienzeichen haben, so war auch das Totem solch ein Familienzeichen.

Ganz im Hintergrund entdeckten wir dann noch Überreste eines Baumpfades, einige Leitern baumelten kreuz und quer in dem Geäst herum. Wir bahnten uns einen Weg durch das dichte Schilf und erschraken uns fast zu Tode, als zwei große Rehe an uns vorbei in Richtung Wasser entflohen.
Von unserem Vermieter, dem wir von unserer Erkundungstour berichteten, erfuhren wir, dass dieses Grundstück irgendeinem reichen Amerikaner gehörte, der sich aber schon jahrelang nicht mehr hätte blicken lassen. Dazu möchte ich bemerken, dass Grundstücke an dieser wirklich wunderschönen Georgian Bay sündhaft teuer und auch sehr selten noch zu haben sind.

In Honey Harbour, immer noch an der gleichen Bucht, wohnten wir in einem großen, leider ziemlich herunter gekommenen Cottage, von dem wir jedoch einen zauberhaften Blick auf das Wasser und die dort liegenden Boote hatten. Es waren zumeist Motorboote, weil diese sich offensichtlich für diese Gewässer besser als Segelboote eignen.

Jeden Morgen wurden wir von einer großen Gruppe Wildgänse geweckt, die schnatternd aus dem Wasser stieg und auf dem grünen Rasen ihr Frühstück einnahm.

Hier in Honey Harbour trafen wir einige Amerikaner aus dem Staat New York, die, wie sie sagten, schon seit 50 Jahren hier in „dieses Paradies“ kämen. Das spricht ja wohl für die Schönheit dieses kleinen Platzes an der Georgian Bay.

Private property – No trespassing

Auf unserer Fahrt in Richtung Süden entlang der Georgia Bay entlang stellten wir fest, dass fast das gesamte Ufer in privater Hand ist. Wir sahen wundervolle, sündhaft teure Villen, deren Lage für Fremde keinen Zugang zur Bay zuließ. Als normaler Tourist kann man das Ufer nur an ganz wenigen freien Badestellen betreten. Noch nie in meinem Leben habe ich so viele Verbotsschilder „Private property – No Trespassing“ gesehen. (privat kommt übrigens von dem lateinischen Wort „privare“ = berauben! Interessant, nicht?)

Wir selbst ignorierten einige Male einfach diese Schilder und schlängelten uns durch eine Lücke zwischen zwei Villen hindurch zum Wasser. Die betreffenden Häuser wirkten und waren auch menschenleer und von seinen Besitzern offensichtlich für den langen kalten Winter bereits „eingemottet“.

Mangel besteht ebenso an freien, kostenlosen Parkplätzen in den Städten und auch sogar in den Waldgebieten der Nationalparks, überall sahen wir nur Schilder „No Parking“ und das auch mitten in der freien Natur.

Montreal und Quebec-City

Die über tausend Kilometer, die zwischen uns und diesen Städten lagen, legten wir nicht per Auto, sondern per Eisenbahn zurück. So lehnten wir uns in unseren Sitzen genüsslich zurück und ließen die kanadische Landschaft an unseren Augen vorbeiziehen.

Das Reisen mit der kanadischen Bahn ist sehr angenehm. Die ganze Abfertigung gleich der auf einem Flughafen. Die Passagiere müssen etwas früher da sein und sich an einem bestimmten Gate einfinden. Sie werden dann von Bahnangestellten zu ihrem Zug geleitet. Es gibt kein Gedränge und Geschubse, wie das in Deutschland speziell auf großen Bahnhöfen der Fall ist. Alte Leute und Familien mit kleinen Kindern werden bevorzugt behandelt und beim Aussteigen stehen immer hilfsbereite Bahnleute zur Verfügung.

Während unserer Zugfahrt nach Montreal und Quebec (in beiden Städten blieben wir je zwei Tage) sahen wir, dass fast jeder Reisende mit Smartphones unterwegs war, sehr viele Leute auch schon mit den bei uns noch sündhaft teuren Tablet-PCs. Im Abteil herrschte also ausgeprägtes Schweigen, angeregte Gespräche zwischen den Reisenden fanden nicht statt. Wohin wird uns diese Entwicklung noch führen, dachte ich bei mir. Jeder Mensch wird durch das Internet zu seinem eigenen Planeten, der glaubt, keine menschlichen Kontakte mehr zu brauchen. Wir selbst hatten nur Bücher und Soduko dabei, die alten klassischen Mittel der Zerstreuung.

Montreal mit 3.428.300 Einwohnern war unsere erste Station, empfanden wir als schöne, aber sehr geschäftsmäßige Stadt. Wir sahen sehr viele, teilweise sehr schöne Kirchen, viel Jugend, hastiges Getriebe. Vor der McGill-Universität, die malerisch in einer sehr schönen Gegend liegt, stießen wir auf eine Demonstration: eine Gruppe von Menschen war „bewaffnet“ mit Töpfen und schlugen im Kreise gehend auf diese mit ihren Kellen ein. Eine Frau sagte uns, dass es sich um die Demo des Staffs handele, der sich in Bezug auf seine Arbeitsbedingen schlecht behandelt fühlte. Der Streit ginge schon über ein Jahr. Wir wünschten ihr viel Glück und schlenderten weiter.

In einer wunderschönen Kathedrale mit Gottesdienst machten wir Halt und verweilten ein bisschen in Meditation. Ein langer Spaziergang quer durch die schöne Altstadt führte uns zu dem Hafen am Sankt-Lorenz-Strom, und wir staunten über die ungeheure Größe dieses Flusses.

Die Provinz Quebec 

Die Provinz Quebec hat 7.241.400 Einwohner - dies entspricht rund 24 Prozent der kanadischen Gesamtbevölkerung. Die größte Provinz Kanadas erstreckt sich über eine Fläche von 1.540.680 qkm und ist in vielen Gesichtspunkten ein Land für sich. Sie ist doppelt so groß wie Texas und sieben Mal so groß wie Großbritannien. Sie erstreckt sich rund 2.000 Kilometer von Norden nach Süden und 1.500 Kilometer von Osten nach Westen,  vom fruchtbaren St. Lorenz Flachland bis zu den riesigen Weiten des Baffin Island und die nördlichen Seen. Quebec grenzt an vier US-Staaten (New York, Vermont, New Hampshire, Maine), im Westen an Ontario und im Osten an New Brunswick.

Quebec City mit 687.200 Einwohnern - war das Endziel unserer langen Zugfahrt quer durch das Land.Viele Dichter haben über diese schöne Stadt am Sankt-Lorenz-Strom geschrieben. Deshalb zitiere ich gerne die Worte von Albert Camus, die er 1946 geschrieben hat:

Diese großartige Landschaft Quebecs! An der Spitze des Diamantfelsens, vor der gewaltigen Öffnung, die der Sankt Lorenz-Strom bildet, verschwimmen Luft, Licht und Wasser in unendlichen Proportionen. Zum ersten Mal auf diesem Kontinent fühlt man wahre Schönheit und Größe.“

Damals in Amerika war es San Francisco, das uns bezauberte. In Kanada kam Quebec auf den ersten Platz. Ähnlich wie San Francisco wirkt Quebec wie eine europäische Stadt. Der Name der Stadt ist übrigens auch indianischen Ursprungs und heißt übersetzt: „da wo sich der Fluss verengt.“

Das berühmte Hotel Château Frontenac, erbaut im Jahr 1893 im Stil eines französischen Loire-Schlosses, liegt direkt am „fleuve laurien“, dem mächtigen Sankt-Lorenz-Strom.  Von den Dufferin-Terrassen, der Promenade vor dem Hotel blickt man auf die eindrucksvolle Kulisse des mächtigen, sagenumwobenen Gewässers.

In den zwei Tagen unseres Aufenthaltes in dieser Stadt pilgerten wir oftmals über diese schöne Promenade, die nur einen Steinwurf von unserem kleinen Hotel lag und konnten uns an der grandiosen Kulisse kaum satt sehen. Selbst bei Regenwetter war es schön, hier entlang zu schlendern. Das gleiche dachten auch andere Besucher, die mit ihren Kameras die besondere Atmosphäre des Platzes einfangen wollten.

An einem schönen Nachmittag machten wir einen Spaziergang entlang der Befestigungsmauer und den Abrahamsfeldern, wo 1759 die entscheidende Schlacht zwischen Franzosen und Engländern stattfand. Von einem Aussichtspunkt hatten wir einen tollen Blick auf den mächtigen Sankt-Lorenz-Strom und blickten einem kleinen weißen Segelboot nach, das  in den mächtigen Fluten wie ein winzig kleines Spielzeug aussah.

Das Wetter war, bis auf unseren letzten Abend, sehr schön und sonnig, so dass wir in der Vieille-Ville in einem Straßencafé im Freien sitzen und das Treiben der geschäftigen Stadt beobachten konnten.
Beim Schlendern durch die Straßen entdeckten wir eine große Bäckerei mit Restaurantbetrieb, wo wir unseren kleinen Hunger mit einer heißen schmackhaften Suppe und einem frischen Brötchen stillten. Wir lauschten den französischen Weisen eines eifrig spielenden Akkordeonspielers und fühlten uns wie in Paris.

Unsere drei Wochen Kanada waren angesichts der Größe des Landes nur wie ein Tropfen auf den heißen Stein. Um dieses Land wirklich kennen zu lernen, braucht man sehr viel Zeit. Es gibt soviel zu sehen und unendlich viele schöne Plätze zu entdecken, besonders in den zahlreichen Nationalparks, die Kanada in weiser Voraussicht wegen des drohenden Ausverkaufs des Landes für alle Menschen eingerichtet hat. Allein auf der Bruce gibt es den Bruce Peninsula National Park, den Fathom Five National Marine Park, an der Georgian Bay den Georgian Bay Island National Park, um nur einige zu nennen.

St. Catharines, hässliches Entlein am schönen Lake Ontario

Wenn wir nicht im Land unterwegs waren, verbrachten wir unsere Zeit in St. Catharines, dem Wohnort meines Sohnes. Sein Haus ist eine zentral liegende Doppelhaushälfte mit einem hübschen kleinen Garten und wie alle Häuser komplett aus Holz gebaut. Direkt gegenüber konnten wir ein Trupp Zimmermänner beobachten, die in Windeseile das Dach eines Neubaus erstellten. Wie Äffchen kletterten sie, natürlich angeseilt, in schwindelnden Höhen herum. Ein großer Kran führte ihnen die einzubauenden, vorgefertigten Holzteile zu. Es war einfach unglaublich, in welch atemberaubender Geschwindigkeit und welch großer Geschicklichkeit das Haus unter ihren Händen wuchs. Alle Häuser in diesem Viertel werden nach einem bestimmten, etwas verspielten Stil erbaut, mit nur geringfügigen Änderungen.

Eigentlich hatte ich mir vorgestellt, vom Haus meines Sohnes aus einen großartigen Blick auf den See zu haben und das Wasser plätschern zu hören. Das blieb leider eine schöne Phantasie. Es gab keinen plätschernden Wogen, und die Aussicht war, wie schon erwähnt, auf die Baustelle mit den kletterfreudigen Zimmermännern. Das „Zentrum“ der Stadt ist eine lange und langweilige Straße mit nur wenigen attraktiven Läden. Auch  die Menschen dieser Stadt kaufen in den malls ein. Ein Laden allerdings  ist zu erwähnen, ein riesengroßes Bücherantiquariat, in dem man tausende von Bücher aller Genre finden kann
Dieser Laden wird übrigens von einer Jüdin geführt, die, wie sie mir erzählte, einen Großteil ihrer Familie in deutschen Konzentrationslagern verloren hat. Trotzdem ich Deutsche war, sprach sie sehr freundlich mit mir und erkundigte sich ausführlich nach einigen deutschen Städten, die sie von früher noch kannte.

St. Catharines hat einen sehr schönen Yachthafen, Port Dalhosie am Lake Ontario. Hier liegen in frischer Brise eine Menge schöner Schiffe, vor allen Dingen Segelboote. Der Ontariosee ist übrigens 18900 qkm groß. Alle Seen zusammen (Ontario, Erie, Huron, Michigan, Superieur) haben eine Fläche von 245 000 qkm und liefern ein Drittel des gesamten Süßwasservorrats der Welt. Das Klima des südlichen Ontario (gleicher Breitengrad wie Neapel) ist im Sommer warm und im Winter kalt, in Quebec sogar bis -30 Grad C.

Aufgrund des warmen Sommers wird in Ontario Wein angebaut, und zwar ein sehr guter, wie ich feststellen konnte. Ich habe auch den von meinem Sohn produzierten Rotwein probiert, er war hervorragend, und wir gaben unser Bestes, seinen Vorrat zu dezimieren. Viele Privatleute stellen hier ihren eigenen Wein her. Auf unserer Fahrt zu den Niagarafällen, ca. 16 km von der Stadt entfernt, kamen wir an vielen großen, sehr gepflegten Weingütern vorbei. Auch Obst und Gemüse gedeihen in diesem günstigen Klima sehr gut. Die von meinem Sohn gezüchteten Tomaten und Gurken waren eine Delikatesse, im Gegensatz zu den in Deutschland erhältlichen Tomaten aus Holland, die nach nichts schmecken.

In dem kleinen, aber sehr schönen Park von St. Catharines fand an zwei Wochenenden Ende September ein großes, mehrtägiges Weinfest statt, das sehr gut besucht war. Alle Weingüter aus der Umgebung, die etwas auf sich hielten, waren hier vertreten und boten ihre Weine zur Probe an. Es war ein lustiges Völkchen, das sich auf dem schönen Gelände unter großen, sich bereits leicht verfärbenden Bäumen eingefunden hatte und sich am Wein und anderen Leckerbissen labte. Die flinken schwarzen Eichhörnchen, die sonst das Gelände in ihrem Besitz haben und wieselflink durch die Bäume zu springen pflegten, waren nicht zu sehen. Wahrscheinlich hockten sie verängstigt in ihren Bauten und fragten sich, was die vielen lustigen Menschen in ihrem Revier zu suchen hatten.
Es gibt überall hunderte dieser kleinen, schwarzen Luftakrobaten mit dicken Puschelschwänzchen. Einer davon kam auch regelmäßig in den von Obst und Gemüse strotzenden kleinen Garten meines Sohnes und stibitzte Tomaten, die er dann, elegant auf der Oberkante des Zaunes balancierend, mit Genuss verspeiste.

Unser Besuch der Niagarafälle war für uns auch interessant, wobei  die eigentlichen Fälle, der amerikanische und der kanadische, wirklich ein eindrucksvolles Naturschauspiel sind. Wir wanderten zusammen mit ganzen Heerscharen von Menschen aus aller Herren Länder die schöne Uferpromenade entlang und blickten hinunter auf das weiß schäumende Wasser des Niagara-Flusses, in dem in regelmäßigen Abständen die Schiffe der berühmten Schiffsgesellschaft „Maid of the Mist“ auftauchten und Hunderte von Menschen so nahe wie möglich an das herunter donnernde Wasser brachten. Alle Passagiere waren fest in dunkelblaue Wasser abstoßende Umhänge gehüllt, um nicht ganz pudelnass wieder an Land zu kommen.

Die Stadt Niagara ist ein einziger Witz: sie besteht aus Spielhöllen, Geisterbahnen, billigen Kneipen und Geschäften, die nichts anderes als Tinnef an die Leute bringen wollen. Der kleine Ort wird überragt von glänzenden, hoch in den Himmel strebenden Luxushotels, aus deren Höhe man sicher einen wundervollen Blick auf das ganze Szenario der beiden schönen Wasserfälle hat.

An einem angenehm warmen Nachmittag unternahmen wir in St. Catharines einen kleinen Spaziergang an einem Fluss, dem Three-Miles-Creek, der uns mit seinem grünen, reißenden Wasser aufgefallen war. Zu unserer Freude gab es einen schönen Weg am Fluss entlang, an dessen Ufer viele Hinweisschilder auf die Gefährlichkeit des schnell fließenden Flusses hinwiesen. Durch das Gestrüpp bahnten wir uns einen Weg bis hin zum wild vorbeischießenden Wasser. Ein Blick in die über uns sich neigenden Bäume und wir sahen wir, wie fruchtbar das Land Ontario ist: wilde dicke schwarze Traubenreben in Hülle und Fülle hingen zum Greifen nahe über uns. Natürlich probierten wir sie: sie schmeckten süß und gut. .

Leider wurde unser schöner Gang entlang dieses grünen, wilden Flusses jäh durch einen mit einer dicken Kette gesicherten Zaun beendet. Wieder einmal lasen wir:

No trespassing! Private property of General Motors…….”

Ja, so richtig lange Wanderwege, wie wir sie von Deutschland her kennen, sind mit Ausnahme der National Park Trails in Kanada nicht vorhanden.
In meinem Bericht konnte ich leider mangels hinreichender Informationen nicht auf die First Nations, die Indianer, eingehen. An dieser Stelle möchte ich nur eine Textstelle zitieren, die ich irgendwo gefunden habe und auch mit dem freíen Zugang zu Land zu tun hat:

"Ohne Land haben Indianer keine Seele, kein Leben, kein Dasein, keinen Sinn. Land ist Bestandteil unseres kulturellen und wirtschaftlichen Überlebens" ........ dies sind die Worte eines indianischen Sprechers, der im Zusammenhang mit dem Bau des Alaska-Highway auf das besondere Verständnis der Urbevölkerung von ihrem Land und damit von ihrer Lebensgrundlage nachdrücklich hingewiesen hat. Und ganz zum Abschluss noch ein paar Daten bezüglich der First Nations:

In Kanada gibt es rund 50 verschiedene Sprachen und Dialekte der Urbevölkerung. Der Algonkin-Gruppe gehören rund 60% aller Indianer Kanadas an. Es folgen die Athapasken (8,4%), Irokesen (8%), Salish (7,5%) und Inuit (7,4%).Heute leben in Kanada rund 300.000 Indianer, soweit sie als "registered indians" in Stammeslisten geführt werden. Nimmt man die Mischbevölkerung der Métis hinzu, so erhöht sich die Zahl auf ca. 800.000.

Nachwort:

Bei der Vorbereitung dieser schönen und interessanten  Reise nach Kanada fiel mit per Zufall ein altes Buch von A.E. Johann in die Hände mit dem einfachen Titel: „Nach Kanada sollte man reisen.

Ich habe mit Begeisterung in diesem Buch gelesen und mir ein sehr gutes Bild von dem Land Kanada machen können. Es ist ganz bemerkenswert, mit welcher Liebe und Begeisterung dieser Autor von seinen Reisen durch dieses große, schöne Land berichtet. Sollten Sie es einmal mal in die Hand bekommen und nach Kanada reisen wollen, einfach lesen.


Diesen Bericht habe ich nach meiner Reise am 20.  Oktober 2011  in Idar-Oberstein erstellt. G.Bradshaw.