Kanada einmal anders
15. Mai 2012
Das Flugzeug ist gerade auf dem Anflug auf Toronto. Wir haben klaren Himmel, und unter uns liegt
das riesige blaue Meer des Lake Ontario.
14 Tage will ich bei meinem Sohn bleiben, um Ende Mai mit ihm seinen Geburtstag zu feiern.
16. Mai 2012
Das Wetter ist schön, nicht zu warm und in Hinsicht auf Beständigkeit viel versprechend.
Einem plötzlichen eiskalten Regenguss aus heiterem Himmel kann ich,
genauso wie viele Andere, nicht entgehen.
Bis auf die Haut nass und vor
Kälte zitternd erreiche ich das Haus.
17. Mai 2012
Erste Anzeichen einer Erkältung machen sich in meinem Kopf breit, die ich aber standhaft zu ignorieren versuche.
18. Mai 2012
Halsschmerzen, Kopfschmerzen, Husten haben mich ans Bett
gefesselt. Draußen hat sich der Sommer breit gemacht,
mit hohen
Temperaturen und einer hohen Luftfeuchtigkeit. Irgendwo, nur ein paar
Kilometer weiter, schlagen die Wellen
des Lake Ontario ans Ufer.
19. Mai 2012
Meine Schmerzen, besonders die in meinem Hals, scheinen zu explodieren.
Mein Rachen ist feuerrot, dick entzündet.
So stelle ich mir den Hals
eines Feuer speienden Drachens vor.
Ich liege in Agonie.
Weicher Sommerwind streichelt den Lake Ontario.
20. Mai 2012
Ich rieche förmlich das Wasser des Sees, oder ist es nur der Duft des
WickVaporubs? Dösend liege ich in meinem
Zimmerchen. Draußen
Vogelgezwitscher und das Plappern des Babies.
Die Welcomeparty im Niagara-Park findet ohne mich statt.
21. Mai 2012
Erster Arztbesuch in einer Walk-in-Klinik. In einem kleinen
fensterlosen Kabuff warte ich auf den Arzt.
Er lässt sich jedoch Zeit,
und ich sehe mich ein bisschen um.
In den Regalen um mich herum sind mindestens 100 Stofftiere in allen erdenklichen Farben drapiert.
Ein Piepsen lässt mich hochblicken:
Außerhalb eines geöffneten Käfigs thront ein Graupapagei. Ab und zu hebt er seinen prächtigen Schwanz
und lässt was fallen. Ein unterhalb des Käfigs ausgebreitetes Tuch fängt die kleinen Brocken auf.
Wo bin ich hier hingeraten? Ein kleines unscheinbares Männchen erscheint, mich kaum anblickend flüstert er:
"What can I do for you, Madame?"
22. Mai 2012
Seine Diagnose: Virusgrippe. Der widerlich süße Hustensaft schmeckt eklich, und ich bezweifle seine Effektivität.
Irgendwo nicht weit von mir zeigt sich die Natur in
überwältigender Schönheit. Das Blau des See im Kontrast
zu dem zarten
Lindgrün der Bäume und Sträucher. Eine Schar kanadischer
Graugänse landet elegant auf dem
makellosen Spiegel des Sees.
Ich leide.
23. Mai 2012
Nur noch drei Tage bis zum Geburtstag meines Sohnes. Ich liege
entkräftet im sonnenheißen Zimmer und versuche
mir, die Frische eines
frühen kanadischen Morgens vorzustellen.
24. Mai 2012
Zweiter Besuch einer Walk-in Klinik. Dieses Mal ist der
Arzt „von dieser Welt“, zu dem ich Vertrauen haben
kann.
Auch nirgendwo findet ich Anzeichen von etwas Exotischem, keine
frei fliegenden Vögel, keine Hamster
oder sonstiges Kleinvieh.
Die Diagnose des kleinen chinesischen Arztes lautet: starke bakterielle
Infektion der Atmungsorgane sowie
wahrscheinlich eine Allergie.
Mit neuen Medikamenten und fast dehydriert – ich habe seit Stunden nichts mehr getrunken – fahren wir Richtung
Haus..
Ein kurzer Stop in einem Gartencenter ist für meinen Sohn
offensichtlich unabdingbar. Während er sorgsam seine
Pflanzen aussucht,
lehne ich mit trockenem Mund und kraftlos an einer Wand. Mit
gleichmütigen, wesenlosen
Gesichtszügen laufen ganze Heerscharen von
meist stark übergewichtigen Menschen an mir vorbei. Sie scheinen
mich nicht zu bemerken. Hier ließe es sich gut unbemerkt sterben.
26.5.2012
Heute ist Geburtstag. Ich bilde mir ein, dass sich mein Zustand etwas
gebessert hat.Doch leider fühle ich mich noch
zu schwach, um mit zum
Segelboot zu fahren, das in einem hübschen kleinen Hafen am Lake
Ontario liegt.
Nur in Gedanken sehe ich die schmucke kleine Yacht auf den Wellen des Sees vergnügt auf und ab tanzen.
30. Mai 2012
Ich blicke aus dem Flugzeugfenster. Wieder liegt in verlockender Bläue
der See unter mir. Diskret wische ich mir eine
kleine Träne aus meinen
Augen.
Aber was soll’s, sage ich mir: es hätte ja noch schlimmer kommen können.
St. Catharines, ON, , 4. Juni 2012
Copyright© Gisela Bradshaw