Hong Kong revisited im Jahr 2002
Wenn man Urlaub in Hong Kong oder China macht, sollte man unbedingt Folgendes im Reisegepäck haben:
- Bequeme Schuhe (auch, wenn diese abgrundtief hässlich sind und jedes auch noch so schöne
Bein entstellen)
- Superleichte Kleidung, am besten aus gazeartiger Baumwolle
- Einen Hut aus hellem, schweißaufsaugendem Material
- Sonnencreme mit dem höchstmöglichen Lichtschutzfaktor
- Einen gut durchtrainierten Gesundheitszustand (für die endlosen Märsche durch die
Hochhausschluchen der Stadt und stundenlangen Inselmärsche)
- Einen guten Orientierungssinn (weil die Strassen in Hong Kong alle gleich aussehen)
All diese beschriebenen
Objekte und Eigenschaften besitze ich nicht. Leider! Ich bin weder gut
durchtrainiert, besitze auch keine derart
leicht, gazeartige Kleidung (weil ich aus dem stets
kalten, regnerischen Deutschland komme), hasse Hüte jeglicher Art,
noch habe ich
einen ausgeprägten Orientierungssinn, wenn
überhaupt einen. Und da ich diese wirklich notwendige Dinge und
Eigenschaften nicht habe,
muß ich leiden. Meine Füße
sind nach den langen Märschen durch die endlosen Straßen
fast doppelt so groß wie normal und selbst ausgiebige
Fußbäder in dem lauwarmen Leitungswasser nutzen wenig.
Wegen meines ärmlichen Orientierungssinnes lege
ich oft große zusätzliche Strecken zurück. Auch ist es
schon vorgekommen, daß ich im
Kreise laufe und ich zu meinem Erstaunen
plötzlich wieder vor dem selben Hochhaus stehe, von dem aus ich
vor Stunden gestartet war.
Wer Hong Kong und seine Strassen einmal erwandert
hat, weiß, wovon ich spreche, nämlich von einem
großen, stickigen Labyrinth.
Ich sitze auf dem großzügig geschnittenen
Balkon im 9. Stock des Hochhauses in Scenic Villas in Pokfulan, wo
meine Schwester und ihr
Mann seit Jahren schon wohnen. Die Miete ist
sündhaft teuer: für die ca. 200 qm große Wohnung mit
insgesamt drei Bädern und einer
abgetrennten kleinen Einheit, bestehend aus Zimmer
und Bad muß man sage und schreibe umgerechnet ca. 10 000 Euro
hinblättern.
Die Wohnung ist groß und gut geschnitten, aber
das Schönste an ihr ist der Blick über das
Südchinesische Meer. Wegen dieses
atemberaubenden Blickes sind meine Schwester und ihr
Mann noch nicht weggezogen. Trotzdem leiden sie sehr unter dem
Lärm,
den einige Mieter in dem Haus veranstalten.
Ständige Lärmbelästigungen sind in dieser
großen Stadt für viele Europäer Problem Nr. 1.
Wenn dann auch noch die Wohnung, das private
Rückzugsgebiet nach einem hektischen Tag laut ist, liegen die
Nerven eines Tages blank.
Direkt unter mir leuchten die grünroten Farben
des riesigen Sportstadions, in dem wie immer einige Unentwegte ihre
Runden drehen.
Überhaupt steht Sport ganz hoch im Kurs in Hong
Kong. Jeder, der auf sich hält und sich um seine Gesundheit sorgt,
macht irgendeinen
Sport. An den Wochenenden finden zahlreiche
sportliche Aktivitäten in dem großen Stadion statt, und ich
staune jedes Mal, mit welchem
Eifer die Jungen und Mädchen bei der Sache sind.
Direkt neben dem Sportfeld liegt das riesige
Schwimmstadion, in dem regelmäßig Wettkämpfe
stattfinden. Das azurblaue Wasser des Bassins
leuchtet hell im Sonnenschein und ungefähr 10 m entfernt das graublaue Wasser des Meeres.
Kleine Dschunken, Sampas mit ihren Reifen
bestückten Seitenwänden tuckern gemächlich vorbei in
Richtung der vorgelagerten Inseln Lantau
und Lamma Island. Was mögen sie wohl
transportieren? Obst, Gemüse oder vielleicht auch Schmuggelware?
Komisch, daß man diese Art Boote
mit ihrem exotischen Aussehen immer in Verbindung
mit Triaden, Mafia und ähnliche dubiosen Vereinigungen bringt.
Vielleicht fährt der
Bootsmann aber einfach nur so mit seiner Familie und seinem Hund spazieren. Wer weiß?
Wie schön muß es damals ausgesehen haben,
als noch Segelschiffe mit ihren stolzen Masten und wunderschön
geschnitzten Galionsfiguren
in den Meeren unterwegs waren! Aber diese Zeiten
sind vorbei. Heute sind es sachliche Containerschiffe, die mit ihrer
Fracht durch die
Meere kreuzen. Sie tauchen in der Ferne auf, steuern
zielstrebig dem Victoria Harbour entgegen, verschwinden langsamim diesigen Horizont.
Die Wellen des Meeres kräuseln sich träge im leichten Sommerwind.
Stundenlang könnte ich übers Meer schauen.
Dazu fehlt aber eins: Stille. Stille ist ein Wort, das hier in Hong
Kong unbekannt ist. Hinten in der
Bucht sind riesige Bagger installiert, die mit
ohrenbetäubendem Krach zusammen mit Schlagbohrmaschinen
dabei sind, den kleinen Berg
abzubauen. Hier entsteht „Cybertown“,
ein ehrgeiziges Projekt eines der reichsten Männer Hong Kongs.
Eine „Cyberstrasse“ soll in Kürze
hier entlang laufen, vierspurig, großspurig, passend zu dem
gigantischen Projekt, das in einem Jahr fertig
gestellt sein soll. Elektronikindustrie soll hier
schwerpunktmässig angesiedelt werden. Auch das Meer und seine
Schönheit bleibt von dem
umtriebigen Unternehmer nicht verschont: wo sich
jetzt das graublaue Wasser am Ufer in weißer Gicht bricht, soll
ein 6-spuriger Highway auf
Stelzen entstehen, der die Verkehrsströme gen “Cybertown“ lenkt.
Wenn alles fertiggestellt ist, wird es vorbei mit
der Schönheit dieses Stückchen Landes am Südchinesischen
Meer.
Ich betrachte meine dicken Füße und die
von einer Sonnenallergie überzogene Haut meiner Arme und Beine.
Wahrscheinlich ist meine helle
Haut einfach nicht geeignet für die hiesigen
extremen Temperaturen und die Intensität der Sonne. Hong Kong
liegt auf dem selben Breitengrad
wie die Sahara! Eigentlich müßte ich mich
von Kopf bis Fuß verhüllen und mich wie eine Mohammedanerin
durch die Stadt bewegen. So aber
habe ich meine sommerlichen Hosen, die viel zu viel
Haut dieser erbarmungslosen Sonne preisgeben. Wegen meiner Hautprobleme
ist auch das
wunderschöne kleine Schwimmbad mit den
hübschen weißen Sonnenschirmen tabu für mich. Nur
zweimal konnte ich meine Runden schwimmen.
Einmal Seite an Seite mit einem freundlichen kleinen
Chinesen, der mit seinem lustigen Schwimmstil, bei dem er mit dem Kopf
aus dem Wasser
seine dünnen Ärmchen kraulartig in das
Wasser tauchte. Wie eine zierliche Libelle glitt er erstaunlich schnell
durch die blauen Wogen.
Das andere Mal schwammen wir im Meer. Unsere
Wanderung über die Insel Lama hatte uns an einen
wunderschönen Strand gebracht. Es war
heiß und die Sonne brannte unbarmherzig auf
uns nieder. Nach einem langen Marsch über Stock und Stein, vorbei
an kleinen, ärmlichen
Fischersiedlungen und verfallenen Hütten,
warfen wir einfach unsere Kleider ab und tauchten ab in das kühle,
salzige Naß des Ozeans.
Nur kurz dachte ich daran, daß es in diesen
Breitengraden ganz sicher auch Haie geben könnte, aber dann
obsiegte doch die reine Lust am
Schwimmen in diesem herrlichen Naß. Haie kamen dann auch Gott Sei Dank nicht unseres Wegs.
Die restliche Wanderung über die Insel Lamma
war dann nur noch ein Klax, und bald schon saßen wir in unserem
Lieblingsrestaurant
mit dem vielversprechenden Namen „Lamma
Hilton“, einem einfachen, aber schön gelegenem Fischlokal
direkt am Meer und ließen
uns den frisch gefangenen Fisch munden.
Hong Kong ist nicht nur ein Moloch von Stadt, ein
Labyrinth, in dem man schwer einen Ausgang findet, sondern auch eine
Heimstatt
von Ratten. Wahrscheinlich gibt mehr Ratten als
Einwohner. Ganz egal, wo man sich gerade befindet, man braucht nur
einen längeren
Augenblick in eine dunkle Ecke gucken, schon huscht eine fette Ratte vorbei.
Auch bei unserem Verlassen des „Lamma
Hilton“ trabte eine Ratte in der Größe eines gut
genährten Meerschweines vorbei, was in
Anbetracht der zahlreichen Essensreste, die im Hof
des Restaurants achtlos gelagert werden, kein Wunder ist. Unser Essen
hatte uns
trotzdem geschmeckt.
Schlimm ist es jedoch, wenn man des Nachts über
einen der Night Market bummelt und dabei auf einer verendeten Ratte
ausrutscht.
Dieses wahrlich ekelhafte Erlebnis hatte ich
bei meinem letzten Besuch des Temple Street Markets, einem
riesengroßen nächtlichen Bazar,
wo man herrlich einkaufen kann und dabei auch noch
in den Genuß von Gesangesdarbietungen und kleinen
Theateraufführungen kommt.
Dass diese für uns Westler ziemlich
unverständlich sind, ist eine andere Sache. Es ist die
Atmospäre, die zählt, und ich rate jedem
Hong Kong Reisenden, dort einmal vorbeizuschauen.
Auch kann man sich dort an jeder Ecke die Zukunft voraussagen lassen,
wenn man dies
möchte.
Noch einmal kurz zurück zu den Ratten: vor
einige Monaten ist auf der Nathan Road, der großen, breiten
Einkaufsstrasse, die sich durch
Kowloon zieht, ein großes Bürogebäude total
ausgebrannt. Dabei kamen Gott sei Dank nur einige wenige Menschen ums
Leben, weil es in der
Nacht passierte und der Großteil der
Leute alle zu Hause waren. Das riesige Hochhaus steht jetzt als
Brandruine inmitten des Straßenzuges
und aus den schwarzen Fenstern schaut das Grauen.
Diese Ruine ist für die Stadt Hong Kong inzwischen zu einem
Problem geworden, weil sie
Heimstatt von Tausenden von Ratten geworden ist, die
sich an den Essensresten der in dem abgebrannten Gebäude
Unterschlupf suchenden
„homeless people“ gütlich
tun. Die Stadt ist voll von wohnungslosen, total zerlumpten Menschen,
die jedes leere Quartier zum Übernachten
nutzen. Sie schlafen, essen und gehen allen nur
denkbaren Beschäftigungen auch in den unwirtlichsten
Unterkünften nach, auch in diesem
abgebrannten Haus. Wahrscheinlich wird die Stadt
bald einschreiten und diese Rattenbrutstätte niederreißen.
Die homeless people und die
vielen Tausend Ratten werden dann weiterziehen müssen und sich wo anders niederlassen.
In Hong Kong liegen extremer Reichtum und bittere
Armut dicht beieinander. Armani-Anzüge tragende, geschniegelte
Business people
gehen achtlos vorbei an im Straßendreck
liegenden, verkrüppelten Kreaturen, die kaum noch etwas
Menschliches an sich haben und
händeringend ihre knochigen schwarzen
Hände bettelnd in die Höhe halten. Funkelnde Luxuswagen
stehen neben Müllkarren, die bis zum
Rand mit den Abfällen des Konsums gefüllt
sind und von ausgezehrten Gestalten die steilen Straßen
hochgezogen werden. In irgendwelchen
dunklen Hinterhöfen werden dann die noch
verwertbaren Reste aussortiert und für ein paar Hong Kong Dollar
an irgendeiner dunklen Ecke
verkauft.
Spektakuläre, in der heißen Sonnen
glänzende Hochhausfronten, in denen sich schwarze verkommene
Häuser und Palmen widerspiegeln,
Einkaufspassagen aus Chrom und Spiegelglas, wo ein
Rock oder Kleid nur für Unsummen zu kaufen sind, all das
gehört zu Hong Kong.
Wer hier lebt, muß hart und cool sein
und gesunde und starke Nerven haben. Oder er geht unter. Der Starke
besiegt den Schwachen.
Das Gesetz Darwins wird hier bestätigt.
Zuhause angekommen, streife ich meine verschwitzten
Kleider vom Leib. Ich dusche und genieße das lauwarme
Wasser auf meiner Haut.
Vom Küchenfenster schaue ich auf das Gelege der
beiden brütenden Vögel, die sich ober- und unterhalb der
außen angebrachten
Klimaanlage niedergelassen haben. Oben ist das Nest
der dicken, bunten Taube, unten wohnt der schwarze, laute Vogel mit dem
weißen
Schnabel. Die beiden können sich nicht leiden,
und so streiten die beiden oft lauthals. Heute aber herrscht
verdächtige Stille.
Die dicke, freundliche Taube sitzt nicht mehr
brütend auf ihrem Ei, auf dem sie tagelang in der stechenden Hitze
ausgeharrt hatte,
ohne zu essen und zu trinken. Sie sitzt einfach nur
noch da mit aufgeplustertem Gefieder. Ihr Gelege ist verschwunden,
wahrscheinlich
ausgeraubt von dem schwarzen, feindlichen Vogel.
Vermutlich ist sie zurückgekehrt um zu trauern, weil sie nun kein
Junges haben wird.
Auch hier herrschen die Darwin’schen Gesetze.
Der schwarze Vogel ist eifrig dabei, seine geschlüpften Kleinen zu
versorgen und macht
fürchterlich Krach wie immer.
Die bunte Taube ist nicht wieder zurückgekommen.
Copyright © 2002 by Gisela Bradshaw
Berlin, im Juli 2002