
Eine kleine Episode aus meiner Kindheit
Onkel Georg:
Vor kurzem wandelte ich nochmals auf den Spuren dieses lieben
alten Mannes. Zusammen mit meinem Vater,
machte ich einen Ausflug zu der alten Wasserschleife, die vor Jahren
einst unserem Onkel Georg gehörte.
Die „Hütt“, wie er sie immer genannt hatte, liegt in
einem romantischen, von einem kleinen Bach
durchflossenen Tal, unterhalb eines kleinen Waldes. Fast jedes
Wochenende waren wir an diesen Ort
gekommen und hatten wunderbare Zeiten dort verbracht. Besonders
für uns Kinder war dieser verwunschene
Platz ein herrliches Spielparadies: wir badeten in dem alten,
idyllischen Weiher und durchstreiften die
umliegenden Wälder auf der Suche nach den begehrten goldgelben
Pfifferlingen, die zusammen mit viel
Zwiebeln gebraten, eine köstliche Beilage zu dem herrlichen, auf
einem Schwenkgrill zubereiteten Fleisch und
den großen, in der Schale gebratenen Kartoffeln waren. Hier
zeigte uns Onkel Georg, wie man die
Grillkartoffeln „hüttengerecht verspeist“: indem man
mit der Faust kräftig auf die krosse Schale schlägt, bis
das weiße, duftende Fleisch der Kartoffel hervorquillt.
Ab und zu übernachteten wir sogar auf der „Hütt“.
An den stillen Abenden saßen wir dann im romantischen
Licht einer Petroleumlampe. Die Erwachsenen fachsimpelten
über die allgemeine politische Situation im
Land oder lauschten auch nur in die Nacht hinein, die erfüllt war
von geheimnisvollen Geräuschen und dem
Zirpen der Grillen. Manchmal legten wir auch alte Platten
auf, natürlich nur Klassik. Das alte
Grammophon ächzte und stöhnte, aber dennoch genossen wir die
herrliche Musik.
Noch heute, wenn ich Beethovens Violinkonzert höre, diese wahnsinnig zärtliche
Musik, denke ich an
diese Abende zurück, und es l
äuft mir kalt über den Rücken:
Was waren das doch
für wundervolle Augenblicke damals vor so langer Zeit!
Wir Kinder waren aber meist nach dem langen Tag, den wir mit Baden
und Herumstreifen in den Wäldern
verbracht hatten, rechtschaffen müde und suchten schon bald unser
Lager in der alten Schleife auf. In aller
Herrgottsfrühe war es stets Onkel Georg, der als
erster auf den Beinen war. Bekleidet mit einem einteiligen
Badeanzug, den er offensichtlich aus seinen Jugendjahren
herübergerettet hatte und seinen knöchelhohen,
robusten Schnürschuhen „à la chez Leysser“, ein Allzweckladen, in Idar »Kaufhaus des Westens» genannt,
reckte er, tief die klare Luft einatmend, seine Arme der aufgehenden Sonne entgegen und sang lauthals aus
einer
Wagner-Oper:
»....nach Rom gelangt ich so... ...es ekelt mich der helle
Schein......!»
Warum er ausgerechnet diese Arie gewählt hatte, ich weiß es nicht mehr!
Sein schallender Gesang riß auch den letzten Langschläfer
aus den Träumen, und schon bald saßen wir alle
wieder einträchtig zusammen und ließen uns ein deftiges
Frühstück in der frischen, reinen Luft schmecken. In
regelmäßigen Abständen überprüfte Onkel Georg
seine zahlreichen, an den unglaublichsten Orten
aufgestellten Mäusefallen. Seine Beute war reichlich, da die
Mäuse sich hier an diesem entlegenen Ort, der
von uns Menschen so sehr geschätzt war und wo es folglich einige
Reste zum Verspeisen gab, sehr wohl
fühlten. Oftmals kam es vor, daß Onkel Georg oder einer von
uns selbst in die Falle gingen. Wer denkt denn
schon an eine Mäusefalle, wenn man schnell mal ein paar Teller aus
dem Schrank holen will? Unser Schreck
und das nachfolgende Gelächter waren immer groß.
All diese Erinnerungen hatte ich im Kopf, als ich mich mit meinem
Vater mühsam durch das fast mannshohe
Gras durchkämpfte. Und dann lag die alte Edelsteinschleife vor
uns! Offensichtlich war schon seit Jahren
niemand mehr hier gewesen! Dichtes Unkraut hatte das Gelände
völlig überwuchert. Das alte, rostige Wehr,
mit dem das Wasser des Weihers gestaut worden war, lag achtlos in einer
Ecke. Der alte Weiher schimmerte
dunkel-glänzend und geheimnisvoll im Sonnenlicht, als ginge ihn
das alles um ihn herum überhaupt nichts an.
Eine einsame Amsel in den Wipfel einer hohen Tanne sang ihr
schönes Lied, ganz wie damals.
Ein leichter Wind wehte leise rauschend durch das hohe Gras und die
dunkelgrünen Tannen. Sonst war kein
Laut zu hören. Perfekte Einsamkeit!
Ich bat meinen Vater, einen Augenblick zu warten. Mühsam bahnte
ich mir meinen Weg durch die hohen
Brennesseln und das dichte Unkraut zu dem alten
„Donnerbalken“ , dem hinter der Schleife gelegenen
kleinen „Örtchen“. Da war noch etwas, was ich erkunden
wollte! Abgesehen von den üppigen
Brennesselbüschen, die sich überall breitgemacht hatten, sah
es hier noch so wie damals aus.
Und dann sah ich sie: die kleine Fotografie an der Bretterwand des
Lokus! Es zeigte eine junge, hübsche Frau,
eine damalige Schauspielerin und Tänzerin, die ihren Rock
neckisch lächelnd hochhebt. Darunter die Worte,
genau wie sie noch in meiner Erinnerung waren.
»Hoch die Röck»
Onkel Georg, der Spaßvogel, hatte es vor so vielen Jahren
auf diesem stillen Ort der Besinnung und Einkehr
mit schelmischen Augenzwinkern angebracht.
Ich beende
meine kleine Erzählung mit dem folgenden, schönen Zitat von Anatole
France (Die rote Lilie):
«Um groß und voll zu sein, bedarf das Leben ebensogut
der Vergangenheit wie der Zukunft.«
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Berlin, ca. 1996, Auszg aus einer meiner Erzählungen
Copyright 1996 Gisela Bradshaw / update April 2022